Gemütliche Sitzgruppen sind im Kirchenraum verteilt.

Gemütliche Sitzgruppen sind im Kirchenraum verteilt.

Bild: Corinna Alberth

Kirche im Wandel

Segen aus dem Kaugummiautomaten

In der Gemeinde Dörfles-Esbach bei Coburg erleben Pfarrerin Gabriele Töpfer und der Kirchenvorstand, was passiert, wenn sie den Kirchenraum in ein Wohnzimmer verwandeln.

Mittendrin im Kirchenraum – der alte Kaugummiautomat. 10 Cent-Stücke liegen bereit, Kirchenvorsteherin Andrea Hink wirft eines ein und erhält: einen Segen. "Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein." (1. Mose 12, 2) Jeder der Menschen im Wohnzimmer in der "Kirche zum guten Hirten" in Dörfles-Esbach wird sich im Laufe dieses besonderen Gottesdiensts einen Segen aus dem alten Automaten abholen. Das gehört zum Spaß dazu.

Dieses Gottesdienst-Format gibt es hier schon seit über einem Jahr und – ja: Es macht Spaß. Das beweist die Zahl der Besucherinnen und Besucher: Am 14. Juni sitzen 60 Leute auf den Sofas und Bänken. Zum Gottesdienst unter dem Motto "Ein Schluck Leben" – zum Thema Wasser. 60 Leute – obwohl es 18 Uhr ist und Deutschland gerade in die Fußballweltmeisterschaft einsteigt. Das muss man erst mal schaffen. Pfarrerin Gabriele Töpfer lächelt. Wie erklärt sie sich den Erfolg? "Na ja", sagt sie, "hier muss keiner die Liturgie kennen, keiner muss wissen, was wann wie zu sagen oder zu singen ist, hier kann man einfach kommen und sein, wie man ist!" Sie steht in der Pfarrei "Evangelisch unter der Veste" bei Coburg (zu der noch drei weitere Gemeinden gehören) für die "alternativen Gottesdienstformate".

Die Kirchengemeinde Dörfles-Esbach hat ihr großes Gemeindehaus verkauft. An die Kommune. Die will dort nun eine Kindergartengruppe und die Schulkinderbetreuung unterbringen. Wer kein Gemeindehaus mehr hat, braucht es anderswo lauschig. So lag es nahe, die Gemütlichkeit in den Kirchenraum selbst zu bringen. Die Feuerwehr kam und half sechs Kirchenbänke abzumontieren und rauszuschaffen. So gibt’s jetzt dauerhaft Platz für Teppiche, mehrere Sofas und Sessel, die in Sitzgruppen angeordnet sind, und für Tischchen, auf denen Knabberzeug steht. Und für den Kaugummiautomaten. Fast wie im Kabarett.

Kirchenvorsteherin Andrea Hink sagt, wenn sie auf der Couch sitzt, hat sie das Gefühl, mehr "mitgenommen zu werden", als wenn sie auf der Kirchenbank sitzt, obwohl die Pfarrerin vielleicht dasselbe sagt. Wer der Sache jedoch eher skeptisch gegenübersteht und lieber erst mal nicht direkt neben dem Altar auf einem Sofa sitzen möchte, kann natürlich immer noch auf einer Kirchenbank Platz nehmen. Die sind aber auch gepolstert: Sitzkissen und kleine Zwischentische, auf denen die Getränke platziert werden können, sorgen auch hier für Gemütlichkeit. Wenn der Gottesdienst beginnt, muss man nicht still sitzen bleiben, sondern kann aufstehen, sich zum Beispiel ein neues Getränk holen, wann man will.

Der Wohnzimmergottesdienst am 14. Juni steht also unter dem Motto "Ein Schluck Leben". Er beginnt damit, dass alle Anwesenden im Kerzenlicht mal einen Schluck Wasser in den Mund nehmen und nachspüren: Wie fühlt sich das eigentlich an? Und dann die Frage: Sind wir uns eigentlich der Kostbarkeit dieses kühlen, flüssigen Schatzes in unserem Alltag bewusst? Es folgt ein kleines Theaterspiel zur Geschichte von Jesus und der Samariterin am Brunnen (Johannes 4, 5-42). Was ist das, das "Wasser des Lebens?" und wie können wir es heute trinken?

Das »Wohnzimmer«-Team mit Gabriele Töpfer (vorne rechts) und Andrea Hink (vorne Mitte)

Bild: Corinna Alberth

Das »Wohnzimmer«-Team mit Gabriele Töpfer (vorne rechts) und Andrea Hink (vorne Mitte)

Solche Impulsfragen werden gestellt. Die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher nehmen diese Fragen auf, führen Gespräche, tauschen sich aus. Dann folgt statt einer Predigt der geistliche Impuls von Pfarrerin Töpfer, in dem sie wiederum spontan das aufnimmt, was sie gerade gehört hat. Sie spricht über die Frage, wie Jesus den Durst löschen kann und was uns über Durststrecken hinweg tragen kann. Freundschaft zum Beispiel. Die Hoffnung und das Wissen, dass es Menschen gibt, die uns in schweren Zeiten mittragen.

Die Atmosphäre ist entspannt. Auch diejenigen, die dieses neuartige Geschehen im Kirchenraum wohl zuerst eher suspekt fanden, reden im Laufe der Stunde vorsichtig mit. Manche haben sich zuvor noch nie gesehen, geschweige denn gesprochen. Um Raum für Begegnung geht es also, um Austausch, um das Miteinander. Ob das neue Format vielleicht dazu führt, dass mal was ganz, ganz Besonderes erlebt wird? Eine Erleuchtung zum Beispiel? Pfarrerin Töpfer lacht. "Na ja, Erleuchtung ist ein großes Wort. Aber wir kriegen schon Rückmeldungen, dass Leute uns schreiben, dass sie sich hier in unserem Kirchen-Wohnzimmer sehr wohlfühlen und dass sie ins Gespräch kommen mit ihren Nachbarn. Zum Beispiel heute haben sie sich wirklich intensiv darüber Gedanken gemacht, was kann denn nun dieses ›Wasser des Lebens‹, diese Erfrischung sein?"

Im Sommer wird die Kirche zum guten Hirten – so ist es mit der Gemeinde Dörfles-Esbach ausgemacht – zum Hitzeschutzraum der Kommune werden. Alle, denen es in ihren eigenen Wohnungen zu heiß ist, können dann hier vorbeikommen, sich abkühlen und natürlich auch Wasser trinken. Dann wird auch das "Café 23" fertig sein: ein neu gestalteter alter Gemeinderaum innerhalb des Kirchengebäudes. Eingebaut wird dort derzeit eine Küchenzeile und eine Theke.

Der Kaugummiautomat spendet Segen.

Bild: Corinna Alberth

Der Kaugummiautomat spendet Segen.

Warum 23? Na, natürlich weil die "Kirche zum guten Hirten" unter dem Zeichen des Psalms 23 steht: "Der Herr ist mein Hirte". Pfarrerin Töpfer ist gastfreundlich. Seit die Kirchenbänke raus sind, konnte sie auch eine Kindertanzgruppe einladen, ein Kinderkino, seitdem hat sie viel mehr Platz für den Chor. Und sie hat noch weitere innovative Gottesdienst-Angebote im Portfolio. Einen, der ganz auf Popsongs setzt, zum Beispiel.

Trotzdem muss in der Pfarrei "Evangelisch unter der Veste" niemand auf die klassischen Gottesdienste mit der klassischen Liturgie verzichten. "In der Pfarrei hat jede Gemeinde ihr eigenes Gepräge", sagt Töpfer, "jeden Sonntag gibt es irgendwo um 10 Uhr einen klassischen Gottesdienst!" Sie aber stellt lieber zu allem anderen noch ein Kulturteam auf die Beine, will zu Vorträgen oder Lesungen in der Kirche einladen. Es sei "spirituelle Kraft" in dieser Kirche, meint sie und die will sie schwingen lassen. "Gott ist immer dabei", sagt Töpfer und zieht sich selbst auch einen Segen aus dem alten Kaugummiautomaten: "Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst" (1. Mose 28, 15).

Das war der Auslöser
Immer weniger Menschen besuchen klassische Gottesdienste. Daher sind neue Formate gefragt. Pfarrerin Gabriele Töpfer hat eine Reise nach Hamburg gemacht und sich dort verschiedene Ideen der Nordkirche angeschaut. Da war auch die Wohnzimmerkirche dabei. Mit Sofas, Getränken und Snacks. Auch der Kaugummiautomat ist fester Bestandteil dieses Konzepts. Denn er ermöglicht Interaktion. Eine Frage wird nicht einfach gestellt oder ein Segen nicht einfach gesprochen, sondern beides kann sich im wahrsten Sinne des Wortes abgeholt werden. Die Wohnzimmerkirche wendet sich an Menschen, die sonst keine Gottesdienste besuchen. Sie können hier aktiv am Geschehen teilhaben. Wohlfühl-Atmosphäre ist Trumpf. Wer rausgeht, soll fröhlicher sein.

26.06.2026
Anke Schäfer