Bei einem Gottesdienst am Ostermontag versammelten sich Christinnen und Christen aus allen fünf Gemeinden im ehemaligen Biergarten der »Fuchsau«, etwa der räumlichen »Mitte« der Pfarrei. Thema des Gottesdiensts war »Jesus, unsere Mitte«.
Bild: Thomas Geiger
Kirche im Wandel
Aus fünf wird Wir
In der fränkischen Region Hersbruck-Sittenbachtal ist seit Anfang 2024 etwas in Bewegung geraten, das weit über reine Verwaltungsstrukturen hinausgeht. Die Pfarreigründung der fünf Gemeinden Hersbruck (Stadtkirche und Johanneskirche), Altensittenbach, Oberkrumbach und Kirchensittenbach war der Startschuss für ein Projekt, das zeigt, wie modernes kirchliches Leben trotz Personalmangel und Strukturwandel pulsieren kann: die Gottesdienstreihe »Fünf auf einem Weg«.
Es ist ein Experiment in Gemeinschaft, das unter dem Motto "Kirche lebendig erleben" den Beweis antritt, dass Kooperation nicht den Verlust der eigenen Identität bedeuten muss. Das Konzept bricht mit der Tradition, dass jede Gemeinde nur für sich allein sorgt. "Das Wesentliche dieser Gottesdienste ist, dass immer zwei Gemeinden zusammenarbeiten", erklärt Thomas Geiger, Kirchenvorsteher in Altensittenbach. Während eine Gemeinde als Gastgeber fungiert und für die Begrüßung sowie die anschließende Bewirtung mit Essen und Trinken sorgt, übernimmt die andere als Programmgemeinde die inhaltliche Gestaltung. Wenn eine sehr kleine Gemeinde wie Oberkrumbach involviert ist, springt oft sogar eine dritte helfend ein.
Ein zentraler Pfeiler sind dabei die Impulse von außen. Um "nicht nur im eigenen Saft zu schmoren", laden die Organisatoren bewusst externe Predigerinnen und Prediger ein. So standen bereits Namen wie Kirchenrat Michael Wolf, die Fernsehpfarrerin Simone Hahn oder auch der in Altsittenbach gebürtige Pfarrer Mario Ertel (Büchenbach) auf der Kanzel, um neue geistliche Perspektiven zu eröffnen. Musikalisch wird es ebenso vielfältig: Ob Posaunenchöre, Bands oder spontane Zusammenschlüsse von Musikern aus allen beteiligten Orten – die Gestaltung ist so individuell wie die Gemeinden selbst.
Was "Fünf auf einem Weg" so besonders macht, ist seine Entstehungsgeschichte. Es war keine Verordnung "von oben", sondern eine echte Graswurzelbewegung von unten. Die Initiative ging direkt aus der Mitte der Kirchenvorstände hervor, die den Prozess der Pfarreibildung zum 1. Januar 2024 nicht nur auf dem Papier vollziehen, sondern beziehungstechnisch mit Leben füllen wollten. "Wir wollten einfach, dass wir uns besser kennenlernen, dass wir stärker zusammenwachsen und uns ergänzen", erinnert sich Martin Knodt, Kirchenvorsteher in Hersbruck.
Dabei half, dass man sich in der Region zwar schon kannte, aber oft noch im klassischen "Kirchturmdenken" verhaftet war. Die Gottesdienste dienten hier als Eisbrecher. Christl Schäfer-Geiger berichtet, dass sie früher in der Band der Nachbargemeinde sang, sich dort aber nie wirklich dazugehörig fühlte – ein Gefühl, das sich durch die gemeinsame Arbeit grundlegend gewandelt hat: "Plötzlich sieht man sich und ach ja, wir gehören ja jetzt zusammen."
Trotz der neuen Nähe legen die Beteiligten großen Wert auf ihre Eigenständigkeit. Regina Rösel und Thomas Geiger betonen, dass es weniger ein Verschmelzen als vielmehr ein "Näher-aneinander-rücken" ist. "Wir bewahren uns die Individualität, weil wir fünf sehr verschiedene Gemeinden sind", so Geiger. Man hat sich beispielsweise bewusst gegen einen gemeinsamen Kirchenvorstand für alle entschieden; einige Gemeinden führen ihre Gremien weiterhin eigenständig.
Beim Auftaktgottesdienst der Reihe »Fünf auf einem Weg« sprachen Silke Igel (Stadtkirche) und Werner Häberlein (Kirchensittenbach) im Dialog über Bartholomäus.

Das Motto lautet: "Gemeinsam, aber individuell". Jede Gemeinde bringt ihre Stärken ein – sei es die Johanneskirche mit ihrem Technik-Know-how beim Streaming oder Oberkrumbach als "goldenes Dorf" mit seinem starken Zusammenhalt. Diese Vielfalt wird als Bereicherung empfunden, nicht als Hindernis.
Die Reihe hat bereits ein gutes Dutzend Gottesdienste hervorgebracht, die oft unter einem thematischen roten Faden stehen – von den Namenspatronen der Kirchen über die »vier Soli« der Reformation bis hin zu den eigenen "Wurzeln und Quellen". Dabei kommt auch der Humor nicht zu kurz: So wurden in einem Gottesdienst der Johanneskirche für die Gemeinde in Oberkrumbach sogar "Bibelkekse" verteilt – Glückskekse mit biblischen Sprüchen.
Besonders eindrücklich war die Erfahrung gegenseitiger Solidarität bei der Gebäudewertung. Als es darum ging, welche Gebäude künftig priorisiert werden, zeigten sich die Kirchensittenbacher bereit, an anderer Stelle zurückzutreten, damit die Oberkrumbacher ihre Kirche als zentralen "Dreh- und Angelpunkt" behalten konnten. Solche Akte der Gemeinschaft wären ohne das durch die Gottesdienste gewachsene Vertrauen kaum denkbar gewesen.
In Zeiten von Personalmangel bietet das Modell auch ganz pragmatische Lösungen. Anstatt dass in fünf Kirchen jeweils nur wenige "Hansel" sitzen, wie es Thomas Geiger formuliert, konzentriert man sich bei besonderen Anlässen auf einen gemeinsamen Ort. "Wir akzeptieren auch, dass halt nicht jeden Sonntag Gottesdienst in jeder der fünf Gemeinden sein muss", erklärt er. Das Ergebnis sind volle Kirchen und ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl, wie etwa bei einem Besuch der Ordensschwester und Autorin Teresa Zukic, zu dem Menschen aus allen fünf Gemeinden strömten.
Die Zukunft wird weitere Veränderungen bringen. Das Stichwort "Regionalgemeinde" steht bereits im Raum, auch wenn die genaue Ausgestaltung noch offen ist. Man rechnet damit, dass bei der nächsten Stellenplanung weitere Regionen hinzukommen könnten. Doch die Akteure in Hersbruck-Sittenbachtal blicken dem gelassen entgegen. Sie haben gelernt, dass "miteinander reden hilft" und dass man durch das Öffnen der eigenen Türen nicht an Heimat verliert, sondern an Weite gewinnt. Das Werbekonzept mit hohem Wiedererkennungswert, das Thomas Geiger als Journalist entwickelt hat, sorgt zudem dafür, dass die Reihe auch nach außen als starke Marke wahrgenommen wird.
04.08.2026
Timo Lechner