Yousef Naderlo und Pfarrer Otto Guggemos
Bild: Micha Götz
Kirche im Wandel
Wo gehöre ich hin?
Seine Mutter sagte: Du bist nicht mehr mein Sohn. Yousef Naderlo erzählt diesen Satz nicht laut. Er sitzt in einem Raum der Kirchengemeinde St. Georgen in Bayreuth, spricht ruhig, sucht manchmal nach dem richtigen deutschen Wort.
Drei Monate hatte er geschwiegen, nachdem er Christ geworden war. Dann sagte er es seiner Familie im Iran. Die Reaktion kam schnell: Seine Mutter nannte ihn ungläubig, unrein, nicht mehr ihren Sohn. Sein Bruder brach den Kontakt ab. Freunde wandten sich ab, frühere Kollegen auch. Yousef war in Deutschland – aber Deutschland war keine Heimat. Der Iran war Heimat – aber dorthin gehörte er plötzlich auch nicht mehr. "Ich war irgendwo in der Luft", sagt er. "Ich dachte: Ich gehöre nicht zum deutschen Volk. Und ich bin abgelehnt von meiner Familie. Ich bin kein Iraner mehr. Das Regime würde mich töten. Wo gehöre ich jetzt hin?"
Als Yousef 2015 den Iran verlässt, tut er das nicht aus christlicher Überzeugung. "Die Hoffnung war ein freies Leben", sagt er. "Mehr Geld verdienen, Freiheit genießen." Drei Monate ist er unterwegs. Er kommt in Passau an, wird nach Österreich zurückgeschickt, im Zug aufgegriffen und sitzt schließlich 34 Tage im Gefängnis in Nürnberg. Danach kommt er nach Bayreuth. Die erste Zeit ist ein Schock. "Was mich am meisten überrascht hat, war die Kultur", sagt er. Menschen hätten sich nicht so miteinander verbunden gefühlt wie im Orient. Vieles habe kalt auf ihn gewirkt. Auch das Wetter erwähnt er, diesen dauernden Regen.
"Ich glaube, bis heute ist dieser Gedanke da: Ich bin zwar in Deutschland, aber ich bin noch nicht angekommen." Er meint das nicht als Vorwurf. Im Iran seien Kultur und Religion eng miteinander verbunden gewesen – bei Festen, in der Trauer, im Alltag. In Deutschland erlebt er, dass beides stärker getrennt ist. Manchmal findet er das schade, manchmal empfindet er es als Freiheit.
Yousef kommt als Muslim nach Deutschland. Jesus kennt er aus dem Koran, als Propheten. Christ werden will er nicht – im Gegenteil. Als er in Bayreuth iranische Christen kennenlernt, beginnt er, die Bibel auf Persisch zu lesen. Aber nicht aus Sehnsucht. Er will Argumente sammeln. "Ich wollte ihnen sagen: Woran ihr glaubt, ist totaler Quatsch."
Es gibt noch einen zweiten Grund, den er offen benennt: Er will im Asylinterview behaupten können, er sei schon im Iran Christ geworden – eine Geschichte, die ihm vielleicht geholfen hätte. Also liest er. Nicht ein paar Verse, sondern zwei, drei Monate lang, täglich sechs bis acht Stunden.
Im Johannesevangelium bleibt er hängen. Ein Satz trifft ihn: "Ich bin die Wahrheit." Ein anderer auch: "Ich habe euch erwählt, nicht ihr habt mich erwählt." Yousef sagt: "Das war der bewegende Moment für mich. Seitdem konnte ich Jesus nicht loslassen."
Ausgerechnet der Satz von der Wahrheit macht die geplante Lüge unmöglich. Im Asylinterview sagt Yousef nicht, was taktisch nützlich gewesen wäre, sondern was passiert ist. Sein Antrag wird abgelehnt. Später steht Yousef noch einmal vor Gericht. Eigentlich rechnet er wieder mit einer Ablehnung. "Ich hatte ja keinen neuen Grund", sagt er. Trotzdem erzählt er der Richterin von seinem Glauben, von Jesus, von dem, was sich in seinem Denken und in seinem Herzen verändert hat. Kurz zuvor, erzählt er, habe er geträumt, dass er Theologie studieren solle. Das passte zu nichts: Er konnte kaum Deutsch, war nicht anerkannt, durfte nicht sicher bleiben. Drei Tage nach dem Gerichtstermin wird sein Asylantrag doch anerkannt. "Aus welchem Grund auch immer, das wissen wir bis heute nicht", sagt Yousef. Für ihn ist es ein Wunder. Jetzt kann er bleiben, in Bayreuth Deutsch lernen und später nach Wuppertal gehen, um sich theologisch und pädagogisch ausbilden zu lassen.
Nach seiner Taufe im Juli 2016 denkt Yousef zeitweise daran, in den Iran zurückzugehen – nicht weil dort alles gut wäre, sondern weil er von Jesus erzählen will. Gleichzeitig weiß er, was ihm dort drohen kann. Dann meldet sich sein Bruder wieder. "Wieso hast du das getan?" Aus der Frage wird ein Gespräch, aus dem Gespräch ein eigener Glaubensweg. Der Bruder wird Christ. Dann ein Onkel, später die Mutter, der Vater.
Heute begleitet Yousef aus Bayreuth eine christliche Gemeinschaft im Iran – über WhatsApp und das Internet. Manche Menschen kennt er seit Jahren, ohne sie je gesehen zu haben. Einige besitzen keine Bibel aus Papier, andere lesen auf dem Handy und müssen vorsichtig sein, weil Kontrollen gefährlich werden können. Auch seine Mutter – die, die ihn einst verstoßen hat – lebt ihren Glauben im Verborgenen. Nach außen darf nichts auffallen. "Meine Mama tut so, als ob sie Muslimin wäre", sagt Yousef. Sie hält Gebetszeiten ein, aber anders als früher: "Sie redet einfach in ihrer Muttersprache mit Gott."
Yousef ringt mit dem Wort Religion. "Ich tue mir schwer damit, Christentum Religion zu nennen", sagt er. Für ihn ist Christsein Beziehung – etwas, das nicht in der Kirche beginnt und endet. "Bei mir ist es im Asylheim passiert, wo ich super alleine war."
»Es ist vollbracht«: Yousef Naderlo trägt ein an Johannes 19,30 orientiertes Tattoo am Oberarm.

Den Islam, wie er ihn erlebt hat, beschreibt er als System aus Pflichten und Unsicherheit. "Du musst Dinge tun und Dinge lassen. Ob dir vergeben ist? Wie kommst du ins Paradies? Diese Unsicherheit hatte ich 20 Jahre mit mir."
Über die dunkelste Zeit im Asylheim sagt er: "Keine Freunde, keine Familie, kein Geld, nichts Neues." Aber er hat jemanden in sein Leben gelassen, für den es früher keinen Platz gab: "Der einzige Halt, der geblieben war, war Jesus. Ich habe mich 100 Prozent an ihm festgehalten. Nicht 99."
Heute arbeitet Yousef Naderlo in der evangelischen Kirchengemeinde St. Georgen. Er begleitet rund 40 Konfirmanden und etwa 20 Teamer, ist bei Jugendgottesdiensten dabei, in Schulen, bei Senioren und Geflüchteten. Er predigt, besucht, spricht, hört zu. "Für mich ist Jesus nicht außerhalb von meinem Körper und Gedanken und Herzen. Er ist in mir. Ich lebe mit ihm – jede Sekunde, jede Stunde. Er gehört zu meinem Dasein. Das ist mein Herz. Das ist, was mich ausmacht."
Damit stellt er deutschen Christen eine Frage, ohne sie direkt auszusprechen: Was ist Glaube, wenn er nichts mehr kostet – noch stört noch tröstet? Pfarrer Otto Guggemos sieht darin eine Bereicherung, auch wenn es manchmal reibt. "Reibungen sind oft bereichernd", sagt er. Menschen seien verschieden, und Kirche könne nur gemeinsam ihre Fülle leben. In der Begegnung mit Christen aus anderen Ländern werde sichtbar, wie stark viele Werte in Deutschland christlich geprägt seien – Freiheit, Würde, Gewissen –, obwohl viele sie längst säkular verstehen.
Von außen sieht man zuerst die Ordenskirche: barock, schön, bekannt. Doch Otto Guggemos sagt: "Die Kirche St. Georgen hat vier Türen, die in die vier Himmelsrichtungen zeigen. Und so unterschiedlich ist die Gemeinde." Gemeinde entsteht für ihn dort, wo jemand die Familie kennt: die Oma, die beerdigt wurde, den kleinen Bruder, der getauft wird, das mittlere Kind in der Konfirmation. Solche Beziehungen lassen sich nicht aus der Ferne organisieren.
Die Stelle von Yousef Naderlo wird durch kirchliche Mittel, kommunale Förderung, Spenden und Kollekten finanziert. Es gibt bereits Menschen, die monatlich 50 bis 150 Euro geben, weil sie wollen, dass Jugendarbeit vor Ort stattfindet. Auch Yousefs Geschichte ist keine glatte Erfolgsgeschichte. Er begann in Wuppertal eine theologisch-pädagogische Ausbildung, schaffte das erste Jahr nicht und musste es wiederholen. Die Ausbildung dauerte länger. Seine Sprache musste wachsen, sein Platz musste wachsen, sein Leben in Deutschland musste wachsen. Vielleicht macht ihn genau das glaubwürdig. Er redet im Jugendtreff "World of Paradise" nicht von einem Leben ohne Brüche. Er kennt Brüche. Er kennt Einsamkeit. Er kennt die Frage, ob man irgendwo dazugehört.
Früher fragte Yousef: Wo gehöre ich hin? – Heute stellt er diese Frage auch für andere. Seine Antwort ist kein großer Satz. Sie ist eine Haltung: da sein, zuhören, wiederkommen, Zeit haben.
Der Auslöser
Yousef Naderlo wollte die Bibel nicht lesen, um Christ zu werden – er wollte iranischen Christen widersprechen. Dann las er im Johannesevangelium: »Ich bin die Wahrheit.« Dieser Satz ließ ihn nicht mehr los. Im Asylinterview sagte er nicht die geplante Lüge, sondern was wirklich passiert war. Sein Antrag wurde abgelehnt.
19.06.2026
Micha Götz