Andacht bei einem Familienwochenende auf Lindenbichl mit rund 40 Familien. Hier wird gerade das selbst komponierte Lied "23 Wale" gesungen.
Bild: Wirkwerk
Kirche im Wandel
Raus ins Leben
Es ist Donnerstagabend in der Westtorhalle in Murnau. Etwa 60 Frauen und Männer zwischen 25 und 75 Jahren singen zusammen. Nach dem Chor lassen sie den Abend gemeinsam ausklingen. Gebetet wird nicht. Und doch ist dieser Abend ein Abend der Kirche – der evangelischen Kirche im Dekanat Weilheim. Der Kneipenchor, der alle zwei Wochen hier stattfindet, ist eines der ungewöhnlichsten Formate, mit denen eine Institution versucht, wieder in das Leben der Menschen zu finden. Für viele Besucher ist er der erste Berührungspunkt mit einer Kirche, die in ihrem Alltag keine Rolle spielt. Genau das ist der Plan.
Hinter dem Kneipenchor steckt das "Wirkwerk Weilheim", ein Projekt, das Carolin Fröhlich und Nina Fischer vor knapp vier Jahren ins Leben gerufen haben. Der Name ist Programm: Das Wort "wirken" steckt darin, aber auch "werkeln" – und das ist durchaus wörtlich gemeint. Nina Fischer ist handwerklich begabt, beide Frauen sind Macherinnen. "Wir wollen bewirken, dass die Kirche wieder relevant wird im Alltag der Menschen", sagt Carolin Fröhlich (38).
Die beiden Sozialpädagoginnen arbeiten hauptberuflich für das Evangelische Bildungswerk im Dekanat Weilheim. Was sie mit dem Wirkwerk tun, geht weit über klassische Gemeindearbeit hinaus. Ihr Motto lautet: "Erfahren. Begegnen. Entwickeln. Gestalten." Das Besondere: Die Angebote finden nicht in Gemeindehäusern oder Kirchensälen satt, sondern mitten im öffentlichen Leben. Themenabende im Klosterwirt Polling, Nähkurse im Gebrauchtmöbelhaus oder ein Flashmob zur Europawahl auf dem Marienplatz in Weilheim – das Wirkwerk geht dorthin, wo die Menschen sind. "Wir wollen zu den Leuten gehen und zeigen, dass Kirche nicht nur Gottesdienst ist", sagt Nina Fischer (45).
Woher kommt diese Leidenschaft? Beide Frauen haben als Jugendliche erlebt, wie lebendig und bunt Kirche sein kann: in der Evangelischen Jugend und im legendären Zeltlager Lindenbichl. Noch heute schwärmen sie von dem Zusammenhalt, der Musik, der Kreativität und dem Gefühl, gemeinsam etwas bewegen zu können. Aus dieser Zeit haben sie viel mitgenommen für ihr Leben –und wollen diese Erfahrungen nicht nur ihren Kindern vermitteln. "Ich habe das große Bedürfnis, auch im Erwachsenenalter mit Spaß und Kreativität die Themen unserer Zeit in den Blick zu nehmen", sagt Carolin Fröhlich. "Und Menschen mit unterschiedlichen Professionen und Leidenschaften zusammenzubringen, die sich gegenseitig bereichern und voranbringen.«
Mit dem Kneipenchor in der Westtorhalle in Murnau spricht das Wirkwerk ein breites Publikum an.

Viele Kontakte aus ihrer Zeit bei der Evangelischen Jugend helfen den beiden beim Aufbau ihres Netzwerks. Denn fast alle Veranstaltungen des Wirkwerks entstehen in Kooperationen: mit dem Forum Westtorhalle, mit der Stadt Weilheim oder dem i+s Pfaffenwinkel, einer gemeinnützigen Integrations- und Servicegesellschaft der Diakonie. Oder mit Privatpersonen. Nicht selten kommen diese von sich aus auf Fröhlich und Fischer zu. Eine Kinderärztin zum Beispiel bot bei einer Familienfreizeit von sich aus eine offene Fragestunde an. Eine Yoga-Lehrerin brachte sich mit einem entsprechenden Workshop ein.
Die Themen des Wirkwerks haben – bewusst – meist keinen unmittelbaren religiösen Bezug. Eltern, Familien und Erwachsene sollen Angebote finden, die ihren Alltag bereichern: die sie inspirieren, ihnen helfen und in Kontakt bringen. "Unser Ziel ist es, Angebote zu schaffen, die motivieren und unterstützen", heißt es auf der Projekt-Homepage. Mal geht es um Mental Load, mal um Aufklärung im Kindesalter, ein andermal um Finanzen. Wer darüber hinaus Fragen zum Glauben hat, ist bei Carolin Fröhlich und Nina Fischer ebenfalls richtig – aber das ist Einladung, keine Erwartungshaltung.
Diesen Ansatz nennt man in kirchlichen Reformkreisen häufig "niedrigschwellig". Das Wirkwerk lebt ihn konsequent. Die Hürde zur Teilnahme ist so gering wie möglich: Zwar bilden die christlichen Werte die Grundlage des Wirkwerks; woran jemand glaubt, spielt aber keine Rolle. Die meisten Angebote basieren auf Spenden, eine Kinderbetreuung bei Familienveranstaltungen ist die Regel – damit wirklich alle teilhaben können am großen Wirkwerk.
Den Wert traditioneller religiöser Formen wie den Sonntagsgottesdienst bestreiten Fröhlich und Fischer nicht, wie sie betonen. "Es gibt viele, die das wollen und denen das guttut", sagt Carolin Fröhlich. "Gleichzeitig ist es wichtig zu schauen, was noch alles sein kann." Auch in den Veranstaltungen des Wirkwerks hat das Liturgische übrigens mitunter seinen Platz – auch wenn das Wirkwerk keine Gemeindearbeit leistet, sondern evangelische Erwachsenenbildung.
Das Konzept des Wirkwerks könnte zukunftsweisend sein. Denn die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung von 2023 zeigt es schwarz auf weiß: Für einen Großteil der Menschen in Deutschland sind die Angebote der Kirche ohne Bedeutung. Die Zahl der Austritte bleibt hoch, die der Taufen niedrig. Institutionen wie die Kirche, die einst selbstverständlicher Teil des gesellschaftlichen waren, suchen nach ihrer Rolle in einer pluralen, säkularen Gesellschaft.
Das Wirkwerk gibt darauf eine pragmatische Antwort: nicht Rückzug in die eigene Tradition, sondern Aufbruch in den öffentlichen Raum. Nicht Verkündigung, sondern Begegnung. Nicht Mitgliedergewinnung als Ziel, sondern echte Relevanz im Alltag. Gerade vor dem Hintergrund der geplanten Regionalgemeinden – dem Zusammenschluss mehrerer Ortskirchengemeinden im Zuge des Reformprozesses der bayerischen Landeskirche – könnte ein solches Netzwerkmodell wegweisend sein. "Es braucht eine oder am besten zwei Personen, die sich konkret dafür einsetzen und die Verantwortung übernehmen", rät Nina Fischer. Und natürlich den Willen, nicht aufzugeben, wenn etwas nicht sofort funktioniert, sowie den Mut, Neues auszuprobieren.
Der Kneipenchor in Murnau ist dafür vielleicht das schönste Beispiel. Wer ihn besucht, betet nicht und nimmt an keinem Gottesdienst teil. Wer wiederkommt, tut das aus einem einfachen Grund: Er fühlt sich dort wohl, schöpft dort Kraft – und bemerkt irgendwann, dass er zu einer Gemeinschaft gehört. Eine Rückmeldung, die Fröhlich und Fischer immer wieder hören, bringt es auf den Punkt: "Wenn Kirche so ist, wäre ich an Bord."
Das war der Auslöser
Der Bruch mit der Kirche kommt in der Regel mit 27 Jahren. Dann ist man offiziell zu alt, um sich in der evangelischen Jugendarbeit zu engagieren. Diese Erfahrung machten auch Carolin Fröhlich und Nina Fischer. "Wir wollten etwas entwickeln, damit dieser Cut nicht eintritt«, so Nina Fischer. Während der Corona-Zeit kam das Bedürfnis dazu, wieder näher an die Menschen heranzukommen. Mithilfe des Evangelischen Bildungswerks im Dekanat Weilheim gründeten sie deshalb im Oktober 2022 das "Wirkwerk Weilheim". Finanziert wird es von der MUT-Initiative der Landeskirche. Sie fördert Projekte, in denen es um neue Zugänge zum Glauben geht. Allerdings läuft die Förderung im Oktober dieses Jahres aus.
19.06.2026
Silke Scheder