im Café-Team arbeiten Ehrenamtliche mit.

Im Café-Team arbeiten Ehrenamtliche mit.

Bild: Helmut Frank

Kirche im Wandel

Wunder im Foyer

30 000 Besucher im Jahr, mehr als 100 Gruppen und Vereine: Das Bunte Haus in Miesbach ist zum Begegnungszentrum der Stadt geworden. Die evangelische Apostelgemeinde hat dafür ihre Rolle neu gedacht.

Es ist Donnerstagvormittag im Bunten Haus, und Helmut Högl sitzt mit seinen Freunden Manfred Wehrmann und Theo Welschof auf der Terrasse des Café Lila. Die drei Männer treffen sich hier jede Woche, um "die Weltlage" zu besprechen – heute geht es um die Rentenpolitik der Bundesregierung. Der Kaffee kostet zwei Euro, die Lage am Marktplatz ist ideal, und die Atmosphäre ist entspannt. "Für die Gemeinde Miesbach hat dieses Haus eine unglaubliche Bedeutung", sagt Högl. Die drei sind sich einig: "Ohne die Offenheit der evangelischen Kirche wäre das hier alles nicht möglich."

Wenige Meter entfernt treffen sich Ema, Milena und Luke zur Vorbereitung ihrer Abiturfeier. Ema ist durch die Konfi-Arbeit in die Gemeinde hineingewachsen und hat hier ihren Rückzugsort gefunden. "Das ist alles nicht mehr wegzudenken", sagt sie. "Weil man hier so sein kann, wie man ist." Später werden sie im Foyer noch einen Kaffee trinken und dabei Menschen aus ganz anderen Zusammenhängen kennenlernen – aus anderen Gemeinden, aus dem ganzen Landkreis.

Im Untergeschoss trifft sich ein Integrationssprachkurs der Volkshochschule. Diese Szenen sind keine Ausnahme, sondern der Alltag im Bunten Haus. 30 000 Besucher kamen im vergangenen Jahr in das ehemalige evangelische Gemeindehaus – fünfmal so viele wie vor dem Umbau. Dabei hat Miesbach gerade mal 12 000 Einwohner. 104 Gruppen und Initiativen nutzten die Räume, führten über 1400 Veranstaltungen durch. Vom Architekturforum bis zum ADFC, von der Geschichtswerkstatt bis zum Inklusionscafé.

Das Bunte Haus ist inzwischen das Begegnungszentrum einer ganzen Stadt. Und es begann mit einer der schwersten Entscheidungen, die eine Kirchengemeinde treffen kann. Vor neun Jahren stand die evangelische Kirchengemeinde Miesbach vor einem Dilemma, das vielen Gemeinden in Bayern vertraut sein dürfte. An zwei Standorten – in Miesbach und im benachbarten Hausham – unterhielt sie jeweils eine Kirche mit Gemeindezentrum. Die Hauptkirche, die Apostelkirche in Miesbach, sollte langfristig erhalten bleiben. Aber das Gemeindehaus in Miesbach war sanierungsbedürftig, genauso die Argulakirche in Hausham, ein typischer Zweckbau der 70er-Jahre mit integriertem Gemeindezentrum.

Die Frage, die sich stellte, war unbequem: Macht man an beiden Orten ein bisschen – und an beiden zu wenig? Oder konzentriert man sich? "Wir haben diese Entscheidung jahrelang vor uns hergeschoben", erzählt Martin Reents, der beim Bunten Haus seit Beginn dabei ist. Doch dann startete die Gemeinde einen Prozess, der sie verändern sollte. Zwei Monate lang wurde intensiv diskutiert. Am Ende wurde bei einer Gemeindeversammlung beschlossen, den Standort Hausham aufzugeben. "Das war eine sehr schwere Entscheidung", sagt Reents. "Und die Umsetzung war noch einmal genauso schwer."

Es gab einen letzten Gottesdienst in der Argulakirche. Die Gemeinde zog feierlich aus. Dann stellte sich die Frage: Was passiert mit dem Gebäude? Die Kommune suchte gerade einen Standort für ein Kinderhaus – die Argulakirche war ideal gelegen. Aber der Bürgermeister brauchte nur das Grundstück, nicht das Gebäude. Die Kirche musste die Gemeinde selbst abreißen.

"Niemand will eine Kirche abreißen", sagt Reents. "Also haben wir auch das noch getan – diesen allerletzten schweren Schritt." Was wie ein Verlust aussah, entpuppte sich als Befreiung. Die Konzentration auf einen Standort gab der Gemeinde den Freiraum, grundsätzlich neu zu denken. Statt das Gemeindehaus in Miesbach einfach nur zu sanieren, fragten sie sich: Was braucht diese Stadt eigentlich?

Luke, Milena (vorne) und Ema nutzen den Jugendraum als Rückzugsort.

Bild: Helmut Frank

Luke, Milena (vorne) und Ema nutzen den Jugendraum als Rückzugsort.

Diese ungeplanten Begegnungen sind der Kern dessen, was das Bunte Haus ausmacht. Die Architektur schafft Räume für das, was die Planer "geplante Zufälligkeit" nennen. Menschen begegnen sich über Gruppengrenzen hinweg. Ein großer 100-Zoll-Bildschirm im Foyer verstärkt diesen Effekt: Er zeigt emotionale Rückblicke auf Veranstaltungen und schafft so Bindung ans Haus – Menschen sehen sich selbst, erkennen Bekannte, fühlen sich als Teil von etwas Größerem.

Der Schlüssel war eine bauliche Entscheidung, die fast zufällig zustande kam. Pfarrer Erwin Sergel, der geschäftsführende Pfarrer und Vater des Projekts, erzählt die Geschichte mit einem Schmunzeln: "Wir wussten nicht mehr wohin mit den Stühlen aus dem Gemeindesaal und wollten ein Stuhllager bauen. Weil das viel Geld kostet, haben wir überlegt, was wirklich wichtig ist."

Am Ende wurde es kein Stuhllager, sondern ein Foyer. Ein zentraler Raum, fast eine Wohnküche. Ein Ort, an dem man sich begegnet. Das Gemeindehaus wurde für rund 2,1 Millionen Euro kernsaniert und um diesen markanten Foyer-Anbau erweitert.

Das Ergebnis ist ein Ensemble: das kern­sanierte Gemeindehaus, die denkmalgeschützte Apostelkirche, das verbindende Foyer und ein Vorplatz mit Sichtachse zum Marktplatz. Ende 2022 wurde das Bunte Haus eröffnet –und der Erfolg war von Anfang an fühlbar. Wo früher etwa 6000 Besucher im Jahr kamen, waren es auf Anhieb über 21 000. Doch die Zahlen erzählen nur einen Teil der Geschichte. Entscheidend ist, was im Foyer passiert – jener Raum, der zur "Wohnküche Miesbachs" geworden ist. "Die Gruppen kommen ins Bunte Haus, gehen in einen der Räume und machen dort ihr Ding", erklärt Reents. "Eine Vorstandssitzung, eine Veranstaltung, was auch immer. Aber danach gehen sie nicht einfach wieder. Die meisten bleiben im Foyer hängen – in unserer gemütlichen Wohnküche. Sie trinken noch gemeinsam einen Kaffee. Viele bringen einen Kuchen mit. Manche kochen sogar zusammen."

Und dann geschieht etwas, das Reents das "Foyer-Wunder" nennt: "Wenn zwei oder drei Gruppen gleichzeitig im Foyer sitzen, fangen sie an, miteinander zu reden. Sie vernetzen sich. Da findet echte Begegnung statt."

Das Foyer ist werktags von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Möglich wird das durch ein Team von ehrenamtlichen Gastgebern – insgesamt rund 290 Ehrenamtliche tragen den Betrieb des Bunten Hauses. Das Gastgeberteam sichert die täglichen Öffnungszeiten und prägt die Kultur des Hauses.

Wird eine kleiner werdende Kirche in der Zukunft noch relevant sein? Diese Frage wird in der Miesbacher Diaspora nicht mehr gestellt. Sie ist relevant, sie ist präsent, obwohl nur acht Prozent der 12 000 Einwohner evangelisch sind. Von Anfang an war allen Beteiligten klar, dass man sich nicht auf die kleine Zielgruppe verengen durfte, wenn das Projekt Wirkung entfalten sollte. Das Bunte Haus sollte offen sein für alle. Die Zielgruppe wurde auf die ganze Stadt erweitert.

"Wir haben immer überlegt, was die Aufgabe der Kirchengemeinde ist", sagt Pfarrer Sergel. "Und wir kamen zum Schluss, dass es eine diakonische Aufgabe ist – auf Augenhöhe mit den Menschen in der Stadt. Uns wurde klar: Wir übernehmen Verantwortung für die Stadt. Wir wollen etwas gegen die um sich greifende Einsamkeit tun, etwas machen für mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt."

Die Kirchengemeinde arbeitet dabei nach einer Plattform-Logik: Sie agiert primär mit Multiplikatoren, die die Wirkung in die Stadtgesellschaft tragen. Gruppen, Vereine und Initiativen nutzen das Haus als Basis für ihre Arbeit – über 100 verschiedene Akteure mittlerweile: Traditionsvereine, soziale Träger, Bildungseinrichtungen und neu entstandene Initiativen wie das Café Lila oder der "Chor 65+".

Die Kirchengemeinde selbst tritt nur selten als Veranstalterin auf – nur etwa ein Viertel der Veranstaltungen sind kirchliche Formate. Aber wenn sie es tut, dann mit Strahlkraft: Bei der "Langen Nacht der Demokratie" etwa diskutierte Landesbischof Christian Kopp mit Landtagspräsidentin Ilse Aigner darüber, "warum Demokratie mühsam ist – und sich die Anstrengung trotzdem lohnt".

Für Eva Perkmann, seit Beginn engagiert und Stellvertretende Vertrauensfrau des Kirchenvorstands, liegt genau darin der Erfolg. "Die Kirchengemeinde dreht sich nicht um sich selbst", sagt sie. "Sie ist im Austausch auf allen Ebenen." Der Weg dorthin war nicht konfliktfrei. "Es gab Widerstand und kritische Rückfragen. Das war wichtig." Auch Quartiersmanagerin Selina Benda sieht darin einen Erfolgsfaktor. "Wir haben ständig reflektiert."

Das Café Lila im Foyer ist zu einem besonderen Symbol für die Philosophie des Bunten Hauses geworden. "Die Idee war, Barrieren zu überwinden – nicht nur die der körperlichen Behinderung", heißt es aus dem Projektteam. Gabi Brünner und ihre Schülerinnen und Schüler vom Sonderpädagogischen Förderzentrum in Hausham unterstützen den Cafébetrieb jeden Donnerstagvormittag. Im Rahmen ihres Unterrichts können sie hier ihre Begabungen und Fähigkeiten einbringen und erhalten durch die Mitarbeit erste Einblicke in die Arbeitswelt.

"Montags miteinander" ist eine der vielen Initiativen, bei denen einsame Menschen Gemeinschaft finden können – bei Ausflügen, Kino- und Theaterbesuchen oder beim Tanzen im Foyer. Die Hemmschwelle ist niedrig: Man kommt einfach vorbei, ohne sich vorher anmelden zu müssen. Besonders berührend sind die Jam-Sessions, die viermal jährlich stattfinden. "Jeder kann sein Instrument mitbringen", erzählt Sergel. "Für manche ist es sehr bewegend, nach vielen Jahren wieder einmal ihr Instrument auszupacken und zusammen mit anderen zu musizieren."

Der Erfolg des Bunten Hauses kam nicht aus dem Nichts. "Geholfen hat uns der Erfolg bei startsocial, einem Wettbewerb unter der Schirmherrschaft des Bundeskanzlers", berichtet Sergel. Die Miesbacher Gemeinde wurde als Beratungsprojekt ausgewählt. Die Gemeinde stellte ein Team zusammen, und startsocial stellte zwei erfahrene Manager aus der Wirtschaft als Berater zur Seite. Am Ende stand eine ausformulierte Sozialraumstrategie – mit Umsetzungsplan, Finanzplan und einem Wirkungsplan.

In den ersten beiden Jahren nach der Eröffnung war im Bunten Haus alles kostenlos. Die Räume konnten frei genutzt werden, und selbst der Kaffee war umsonst. Damit wollte man für möglichst viele Menschen offen sein. Die Rechnung ging auf. Nach zwei Jahren war das Haus voll. Eine dauerhafte Finanzierung war die nächste große Frage. Ein Berater hatte eine Schlagzeile der Lokalzeitung aufgeschnappt: "Das Bunte Haus ist unverzichtbar!" Sein Rat: "Ihr müsst das sichtbar machen!"

Daraus entstand eine neue Finanzierungsidee. Die Kirchengemeinde wollte andere Institutionen gewinnen, mit ihr gemeinsam die Verantwortung für das Bunte Haus zu übernehmen. Dafür mussten die richtigen Menschen an einen Tisch gebracht werden. Zu einem Workshop unter dem Titel "Buntes Haus – wie weiter?" kamen im Februar der Bürgermeister, der Landrat, die Vorsitzenden der Freien Wohlfahrtspflege, Vertreter von Sparkasse und Volksbank, Stadträte und Multiplikatoren aus der ganzen Stadt. 70 Verantwortungsträger saßen an einem Tisch. Das Ergebnis: ein gemeinsames Verständnis über den großen Wert des Bunten Hauses für den sozialen Zusammenhalt – und dass es seinen Beitrag sehr effizient und günstig leistet. Die Grundlage für eine breitere Finanzierungsbasis und längerfristige Perspektive war geschaffen.

Kaffee, Wasser, Räume sind im Bunten Haus immer noch kostenlos. Jeder gibt, was es ihm wert ist und was er kann. Dazu steht eine Spendenbox dauerhaft im Raum. Das Bunte Haus entstand nicht im luftleeren Raum. Es ist Teil eines größeren Nachdenkens über die Zukunft der Kirche, das unter dem Titel "Profil und Konzentration" in der bayerischen Landeskirche geführt wird. Der Reformprozess stellte die tiefere Frage: Wie kann die Kirche ihre Arbeit so ausrichten, dass Menschen mit ihren heutigen Lebensfragen einen einfachen Zugang zur Liebe Gottes finden?

"Uns wurde klar: Wir übernehmen Verantwortung für die Stadt. Wir wollen etwas gegen die um sich greifende Einsamkeit tun, etwas machen für mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt."

Pfarrer Sergel

Die Miesbacher haben diese Frage auf ihre Weise beantwortet – und dabei ein Modell geschaffen, das jetzt Schule machen soll. In einem Beratungsprozess mit dem Titel "Kirche wirkt weiter" werden acht Gemeinden im Kirchenkreis Schwaben-Altbayern von den Miesbacher Erfahrungen profitieren: Bad Tölz, Beilngries, Gauting, Mindelheim, München-Pasing, Passau, Rottenburg an der Laaber und Schrobenhausen.

Das Ziel ist nicht, das Bunte Haus zu kopieren – jeder Ort ist anders, jede Gemeinde hat andere Ressourcen und andere Herausforderungen. Aber die Grundprinzipien lassen sich übertragen: die Bereitschaft zur Konzentration, die Öffnung für die ganze Stadtgesellschaft, die Arbeit mit Multiplikatoren, die Einbindung von Ehrenamtlichen, die professionelle Begleitung und die ständige Reflexion.

In Miesbach ist etwas gelungen: Die evangelische Kirchengemeinde hat sich für die ganze Stadt geöffnet – und dabei selbst ihren Platz gefunden.              

Das war der Auslöser
"Wir hatten überlegt, wo wir die vielen Stühle aus dem großen Saal lagern konnten – die waren bei vielen Veranstaltungen im Weg. Wir kamen darauf, dass nicht die Stühle das Problem waren, sondern dass das Gemeindehaus schlicht zu klein geworden war. Ein neues Stuhllager wäre aber teuer gewesen. Wenn man schon so viel Geld dafür ausgibt, denkt man darüber nach, was vielleicht wichtiger wäre. Die Idee für ein offenes Foyer zwischen Kirche und Gemeindehaus war geboren."  

01.07.2026
Helmut Frank

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