Eine Coburger Gemeinde verlor ihre Kirche – und pflanzte eine neue.
Bild: ELKB/Micha Götz
Kirche im Wandel
Offen zum Himmel
Es riecht nach Sommer. Der Wind streicht durch die jungen Weidenzweige, die sich langsam zu Rohren verweben, und Sonnenlicht fällt durch das lebendige Geflecht auf den Boden der kleinen Halbinsel im Ketschendorfer Park in Coburg. Noch wirkt alles filigran – doch in einigen Jahren wird aus den schlanken Ruten ein dichtes grünes Kirchenschiff geworden sein, eine Kirche, die jedes Frühjahr weiterwächst.
Wenn am 26. Juli die Bayreuther Regionalbischöfin Berthild Sachs die Weidenkirche feierlich einweiht, endet für Petra Heeb ein Weg, der fast zehn Jahre gedauert hat. Rückblickend fasst sie diese Zeit in einen einzigen Satz zusammen: "Man muss Geduld haben und hartnäckig bleiben. Und dann geschieht das Wunder."
Dieses Wunder begann lange bevor die ersten Weiden gepflanzt wurden – als Idee einer Kirche unter freiem Himmel, die viele Jahre in der Schublade lag. Wirklich dringlich wurde sie erst, als die Kirchengemeinde St. Lukas ihr Kirchengebäude 2021 entwidmen musste. Plötzlich ging es nicht mehr nur um eine schöne Vision, sondern um die Frage, wo Gemeinde künftig überhaupt stattfinden kann.
Auf der Suche nach einem neuen Ort fiel die Wahl schließlich auf den Park mitten im Gemeindegebiet St. Lukas. "Es ist einfach ein wunderbarer Ort in der Natur", so Heeb – und genau dort sollte das Gemeindeleben weitergehen.
"Gott ist überall da, braucht keine Mauern."
Petra Heeb
Leicht war dieser Abschied von der alten Kirche nicht. "Natürlich war es sehr schmerzhaft", sagt Heeb rückblickend, "aber auch die Aussicht auf was Neues, auf eine andere Kirche." Gerade dieser Verlust habe den Blick nach vorne geöffnet – zumal, wie sie betont, heute überall gespart werden müsse. Eines aber habe sich durch den Verlust des Gebäudes nicht verändert: "Gott ist überall da, braucht keine Mauern."
Die Weidenkirche verzichtet bewusst auf das, was viele Menschen gemeinhin mit Kirche verbinden – dicke Mauern, hohe Türme, schwere Türen. Stattdessen bilden lebende Weiden ihre Wände, der Himmel ersetzt das Dach. "Ich glaube, den Gott kann man überall spüren", sagt Heeb, "und vielleicht hier in der durchlässigen Weidenkirche noch mehr als mit engen, festen Mauern."
Die Weidenkirche lebt und verändert sich ständig. Im Frühjahr treibt sie aus, im Sommer wird sie dichter, im Herbst verliert sie ihre Blätter, im Winter scheint sie beinahe kahl. Für Heeb erzählt genau dieser Kreislauf etwas vom menschlichen Leben – "der Wechsel der Jahreszeiten ist auch der Wechsel im Leben. Also von Beginn über Wuchs und Wachstum, volle Blüte und dann zum Ende so ein bisschen das Absterben. Aber dann wieder Neubeginn."
Die Weidenkirche versteht sich deshalb nicht als Ersatz für St. Lukas, sondern als etwas Eigenes: ein Ort, der nicht nur sonntags geöffnet ist und nicht nur den Menschen gehört, die regelmäßig Gottesdienste besuchen. "Alles für alle. Alles von allem", beschreibt Heeb ihre Vision. Menschen sollen hier verweilen, "meditieren können, zur Ruhe kommen" oder einfach einen schönen Platz im Park finden – gleichzeitig seien ausdrücklich alle Gemeinden des Dekanats eingeladen, hier Gottesdienste zu feiern.
Dass dieses Konzept funktioniert, zeigte sich schon während der Bauzeit. Die Gottesdienste unter freiem Himmel lockten nicht nur Gemeindemitglieder an – immer wieder blieben Spaziergänger stehen, hörten zu oder setzten sich einfach dazu. "Da sind auch Gottesdienstbesucher gekommen, die nicht unbedingt einen Gottesdienst wollten", erzählt Heeb. "Aber die sind vorbeigelaufen, haben das gesehen. Ja, da schauen wir mal hin."
Petra Heeb ist Kirchenvorsteherin, Mitglied des landeskirchlichen Fachbeirats für das Ehrenamt und Mitglied der Landessynode.

Für Heeb zeigt das, dass viele Menschen durchaus nach Spiritualität suchen – nur müsse Kirche ihnen manchmal entgegenkommen. Deshalb wünscht sie sich mehr Mut: nicht den Mut, planlos loszulegen, sondern "vor allem mal offener denken und den Mut haben, auch mal was wegzulassen". Jede Woche derselbe Gottesdienst müsse nicht zwangsläufig die einzige Form bleiben. "Ich glaube, unsere Gläubigen sind so weit, dass sie sagen: Ich suche mir das aus, was mir Spaß macht, was mir gefällt. Und Gott kann ich auch nah sein ohne den klassischen Gottesdienst."
So soll die Weidenkirche künftig auch Raum für neue Ideen bieten – Heeb denkt an Konzerte, Bands oder musikalische Projekte junger Menschen. Vieles davon ist noch offen. "Jetzt sind wir erst mal froh, dass es steht", sagt sie.
Gemeinsam mit der Stadt Coburg wurde ein Konzept entwickelt, bei dem beide Seiten Verantwortung übernehmen – die Stadt kümmert sich künftig um Pflege und Unterhalt des Geländes, was für die Kirchengemeinde allein kaum leistbar gewesen wäre. "Natürlich geht es auch um die Nachhaltigkeit und die Finanzierbarkeit", sagt Heeb dazu. Zugleich sei der Ketschendorfer Park ein Naherholungsgebiet für den ganzen Stadtteil: "Es war auch der Stadt wichtig, dass hier ein Ort geschaffen wird, der für alle da ist." Auch zahlreiche Spenderinnen und Spender hätten das Projekt über Jahre hinweg möglich gemacht: "Zum Glück haben wir großzügige Spenden von vielen Seiten erhalten und über Jahre gesammelt."
Neben aller Freude blickt Heeb aber auch mit Sorge in die Zukunft ihrer Kirche. Seit vielen Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich und erlebt, wie immer mehr Aufgaben auf Freiwillige übergehen. "Wir werden immer mehr Ehrenamtskirche", sagt sie – und wünscht sich zugleich dringend gut ausgebildete Pfarrerinnen, Pfarrer und Diakoninnen. Die Ehrenamtlichen seien derzeit "wirklich der Übergang", bis kirchliche Berufe wieder attraktiver würden.
Was Heeb damit meint, lässt sich noch während unseres Gesprächs beobachten. Während wir auf der Wiese neben der Weidenkirche sprechen, laufen zwei Kinder lachend vorbei. "Das ist unser geheimer Ort", ruft eines von ihnen, "da machen wir jetzt Picknick." Heeb lächelt – genau das ist das Bild, das sie auch für die Zukunft der Kirche vor Augen hat. Nicht Besucherstatistiken oder volle Gottesdienste, sondern Menschen, die sich spontan auf eine Bank setzen, oder Spaziergänger, die für einen Moment innehalten. "Nicht nur als Gotteshaus oder als Platz, wo wir Gottesdienst feiern", sagt sie, "sondern einfach als ein Platz, wo sich Menschen wohlfühlen."
Das war der Auslöser
"Wir haben im Kirchenvorstand unserer Gemeinde St. Lukas in Coburg einen langjährigen, vor allem schmerzhaften Prozess im Rahmen der Immobilienkonzeption bearbeitet und unsere Kirche 2021 entwidmet und verkauft. Das Gebäude war weder barrierefrei noch frei von Schadstoffen, oder energetisch gut ausgestattet, noch für einen annehmbaren finanziellen Aufwand zu renovieren. Dank einer guten Zusammenarbeit mit unseren Pfarreigemeinden Seidmannsdorf, Creidlitz und Niederfüllbach – die Pfarrei wurde 2018 gegründet – finden wir auch dort Raum für neue Wege in der Gemeinwesenarbeit und arbeiten gemeinsam an einer zukunftsweisenden und zukunftsfähigen Kirche. Der Verlust der Lukaskirche hat uns den Blick nach vorne geöffnet – die Idee einer Kirche in der Natur war geboren."
29.07.2026
Micha Götz