Schwester Stefanie besucht regelmäßig Oma Eva.

Schwester Stefanie besucht regelmäßig Oma Eva.

Bild: Stephan Herbert Fuchs

Kirche im Wandel

Für alle Fälle Stefanie

Zeit schenken – für Stefanie Görtz ist das ein wichtiger Teil ihrer Arbeit. Als Gemeindeschwester ist die 50-Jährige für die Menschen in Grafengehaig und Presseck da, hört zu, hilft bei Anträgen, organisiert Unterstützung und hat vor allem eines: Zeit für die Menschen.

Menschen Zeit schenken zu können, das ist es, was Stefanie Görtz an ihrer Aufgabe als Gemeindeschwester in Grafengehaig und Presseck im oberfränkischen Landkreis Kulmbach so schätzt. Die 50-Jährige ist für jeden da, der Hilfe braucht, vor allem für die älteren Menschen in den beiden Gemeinden. Für die körperliche Pflege ist sie nicht zuständig, aber für die seelische. Stefanie Görtz hat Zeit für Gespräche, am Küchentisch oder im Garten. Sie hört zu, hat Ideen und organisiert. Spiele-Nachmittage zum Beispiel, das kann auch schon mal eine Skatrunde sein. Sie organisiert Einkaufsfahrten und kümmert sich darum, dass die Pflegestufe (neu) eingerichtet wird.

Da ist etwa die betagte Dame aus einem abgelegenen Ortsteil hier im Kulmbacher Oberland. Sie sieht schlecht, läuft schlecht und braucht Unterstützung. Hier kommt Stefanie Görtz ins Spiel. Sie setzt sich mit der Dame zusammen, beantragt einen Pflegegrad, vielleicht ein Hausnotrufgerät, füllt einen Antrag aus, man spricht miteinander und stellt Kontakte zu Ärzten her. "Mir geht es darum, dass die Menschen so lange wie es geht die Möglichkeit haben, selbstständig und in Würde leben zu können", sagt sie.

Es war ein absoluter Glücksfall, dass der Diakonieverein Grafengehaig-Presseck auf Stefanie Görtz gestoßen war. Deren Vorgängerin Miriam Hofmann hatte sich im Herbst des vergangenen Jahrs neu orientiert und die Stelle ausgeschrieben. Da traf Heidrun Hemme, Pfarrerin von Grafengehaig und 1. Vorsitzende des Diakonievereins zufällig beim Einkaufen auf Stefanie Görtz. Man kannte sich flüchtig, kam so ins Gespräch und schnell wurde man einig. Zum 1. November 2025 hatte Stefanie Görtz die Halbtagsstelle als Gemeindeschwester angetreten. Sie kommt aus Bamberg und ist gelernte Altenpflegerin. Aufgrund der beruflichen Situation des Ehemanns hatte es sie ins Kulmbacher Land nach Horbach bei Grafengehaig verschlagen. Dort hatte sie eine neue Herausforderung gesucht und wurde zunächst in einem Altenheim im nahen Helmbrechts im Nachbarlandkreis Hof tätig.

Immer mehr Bürokratie, ständig neue Dokumentationspflichten und wenig Zeit für die Bewohner: Richtig glücklich wurde Stefanie Görtz da nicht. Bis sie auf Heidrun Hemme traf. Einer von "Schwester Stefanies" mittlerweile erwachsenen Söhnen kannte die Pfarrerin ohnehin schon vom Religionsunterricht und so kam eins zum anderen.

Pflegen darf die Gemeindeschwester nicht, sie soll nicht in Konkurrenz zu Pflegediensten treten. Aber sie ist da, gerne auch mal zu einem Spiel.

Bild: Stephan Herbert Fuchs

Pflegen darf die Gemeindeschwester nicht, sie soll nicht in Konkurrenz zu Pflegediensten treten. Aber sie ist da, gerne auch mal zu einem Spiel.

Der Diakonieverein Grafengehaig-Presseck hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Lange bevor Heidrun Hemme als Pfarrerin nach Grafengehaig kam, wurde er bereits in den 1980er-Jahren gegründet. Damals wurde eine ambulante Sozialstation ehrenamtlich geführt. Die Diakonieschwestern wurden über die Kassen finanziert, die Trägerschaft hatte der eingetragene Verein. Weil das Thema Pflege mit den Jahren immer komplizierter wurde, hätten es die Ehrenamtlichen damals wohl nicht mehr leisten können, und so schloss man sich erst dem Diakonieverein Münchberg, ebenfalls im Nachbarlandkreis Hof, und später zusammen mit Münchberg der Diakonie Hochfranken an.

Als positiv bewertet es Pfarrerin Heidrun Hemme, dass der Verein gut geführt wurde und Rücklagen hatte. "Wir hatten viel Geld, aber keine Aufgabe mehr", sagt sie und hatte tatsächlich schon die Einladungen zur außerplanmäßigen Sitzung verfasst, in der es um die Auflösung gehen sollte. Ein Hörfunkbeitrag über eine Gemeindeschwester sollte alles ändern. Die Pfarrerin erinnerte sich, dass es in ihrer Heimatgemeinde auch eine Schwester gab, die einfach zu den Leuten rausging, um zu helfen. Das Modell der Gemeindeschwester hatte schließlich alle überzeugt und so konnte es im März 2022 losgehen.

"Wir dürfen nicht pflegen, denn wir wollen und wir dürfen auch nicht in Konkurrenz zu den Pflegediensten treten", stellt Heidrun Hemme noch einmal klar. Nicht nur den Betroffenen, auch Angehörigen bedürftiger Personen fehle es manchmal an Wissen und Zeit für die Anforderungen verschiedener Alltagssituationen. "Für mich und für Pfarrer Siegfried Welsch aus Presseck ist die Gemeindeschwester eine ganz wichtige Unterstützung, auch wenn es um die Seelsorge geht", so Heidrun Hemme.

Damit es in Grafengehaig und in Presseck auch weiterhin so gut läuft und "Schwester Stefanie" ihre segensreiche Arbeit fortsetzen kann, ist der Diakonieverein auf Spenden angewiesen. Da zieht Heidrun Hemme schon mal persönlich los, wenn es etwa darum geht, dass die Schwester zur Ausübung ihrer Tätigkeit einen neuen Laptop braucht.

Stefanie Görtz hat aktuell etwa 50 Klienten. Es müssen nicht zwangsläufig immer hochbetagte Senioren sein. Auch eine Frau, die unter häuslicher Gewalt litt, oder eine Familie mit einem schwerbehinderten Kind hatten sich schon an sie mit der Bitte um Hilfe gewandt. Beide waren einfach am Ende, da kam Schwester Stefanie gerade recht. Einfach nur da sein und reden, einfach mal eine Partie "Mensch ärgere dich nicht" spielen oder sogar etwas für Weihnachten basteln, das alles sei möglich.

"Alle Begegnungen sind toll und einzigartig", sagt Stefanie Görtz. Manchmal gibt es sogar etwas zum Schmunzeln, etwa als ein älteres Ehepaar nicht mehr weiterwusste, weil so viele Fliegen in der Wohnung waren. Auch da konnte Schwester Stephanie weiterhelfen. Unentgeltlich übrigens, denn die Leistungen der Gemeindeschwester sind für Mitglieder des Diakonievereins kostenfrei.

Das war der Auslöser
Der Diakonieverein Grafengehaig-Presseck sollte eigentlich aufgelöst werden, als er sich der Diakonie Hochfranken angeschlossen hatte. "Wir hatten viel Geld, aber keine Aufgabe mehr", erzählt die Grafengehaiger Pfarrerin Heidrun Hemme. Die Einladungen zur Sitzung, in der es um die Auflösung gehen sollte, waren bereits verfasst. Ein Radiobeitrag über eine Gemeindeschwester brachte Heidrun Hemme zum Umdenken. Sie erinnerte sich, dass es in ihrer Heimatgemeinde auch eine Schwester gab, die einfach zu den Leuten rausging, um zu helfen. Das Modell der Gemeindeschwester hatte schließlich alle überzeugt und so konnte es losgehen.

08.09.2026
Stephan Herbert Fuchs