Der Kirchraum als Ort des Lebens: Zum Auftakt von "Das Westend kocht & Mehr" wurde in der Kirche gegessen.
Bild: Erol Gurian
Kirche im Wandel
Alle an einem Tisch
Der Duft von Hühnerfrikassee zieht durch die Auferstehungskirche in München. Vor dem Altarraum stehen zwölf festlich gedeckte Tische. Zwei junge Leute aus Uganda sitzen mit einem Ehepaar aus der Ukraine und vier Menschen aus dem Westend zusammen. Sie unterhalten sich, lachen und essen gemeinsam. "So viel Verschiedenheit und zugleich so viel Miteinander", sagt Pfarrer Bernd Berger. "Das ist mein Traum."
Dieser Traum hat einen Namen: "Das Westend kocht & Mehr". Einmal im Monat, immer freitags, öffnet die Auferstehungskirche ihre Türen zum gemeinsamen Kochen und Essen. Berger hat das Projekt vor fünf Jahren ins Leben gerufen. Die Idee: Die Kirche als offenen Begegnungsort etablieren, gewissermaßen als Lebensmittelpunkt für alle Menschen aus der Nachbarschaft.
Den Namenszusatz "& Mehr" gibt es erst seit Kurzem. "Wir wollen die Kirche als Möglichkeitsraum weiterentwickeln", sagt Berger. Neben der Begegnung und einem leckeren Essen finden die Menschen dank einer Kooperation mit der Diakonie München und Oberbayern nun auch praktische Unterstützung im Alltag: Die Kirchliche Allgemeine Sozialarbeit (KASA) bietet eine Sozialberatung an. Und die Kleiderkammer "diakonia" organisiert parallel ein "Kleiderbuffet".
"So viel Verschiedenheit und zugleich so viel Miteinander. Das ist mein Traum."
Pfarrer Bernd Berger
Welche Mahlzeiten bei den Veranstaltungen auf den Tisch kommen, hängt davon ab, was über das Spendennetzwerk verfügbar ist. Von thailändisch über afrikanisch bis bayerisch: Die Küche ist so bunt wie das Viertel. Den Kochlöffel schwingt neben Berger selbst der Koch Axel Dreher. Rund 25 Ehrenamtliche unterstützen die beiden dabei, die durchschnittlich 70 bis 100 Gäste zu verköstigen. Einen festen Preis pro Mahlzeit gibt es nicht. Jeder gibt, was er kann.
Mittelfristig soll die Verantwortung für das Projekt schrittweise von Bernd Berger an ehrenamtliche Teams übergehen. Um familienfreundlicher zu werden, ist außerdem ein Mittagstisch angedacht. Damit diese Pläne Wirklichkeit werden, sucht Berger noch mehr ehrenamtliche "Kochhelden, Kleiderkammerengel oder Tischzauberer", wie es im Projektflyer heißt. Der 68-Jährige selbst will sich zumindest aus dem Kochbetrieb schrittweise zurückziehen. Als Ansprechpartner für die Ehrenamtlichen bleibt der Pfarrer im Ruhestand aber weiterhin im Einsatz.
Zu diesem Helferkreis gehört Alexandra Wiedemann. "Ich möchte möglichst vielen aus unserer Gesellschaft begegnen, das ist bei diesem Angebot so schön unkompliziert möglich. Allein durchs "Da-Sein" ist man schon mittendrin, und dank der professionellen Organisation ist das Mitmachen eine wahre Freude", beschreibt die Architektin die Beweggründe für ihr ehrenamtliches Engagement. Obwohl sie kein Mitglied der Kirche ist, fühlt sie sich von dem Angebot der Auferstehungskirche angesprochen – im Gegensatz zu so mancher Predigt. Wieder in die Kirche eintreten wird die 56-Jährige deshalb nicht sofort. "Die Neugierde, mal wieder in einen Gottesdienst zu besuchen, ist aber auf jeden Fall geweckt."
Öffnung ins Stadtviertel hinein und Umnutzung des Kirchenraums: Das Projekt "Das Westend kocht & Mehr" passt perfekt zum Reformkurs der bayerischen Landeskirche. Deshalb wird es aus deren Kooperationsfonds unterstützt. Die Kirchengemeinde und der Evangelische Verein München Westend stehen ebenfalls voll dahinter, auch finanziell. Sie unterstützen die Vision, über kurz oder lang die Kirchenbänke zu entfernen und stattdessen Tische und Stühle sowie eine Catering-Küche anzuschaffen. Das Ziel: Mehr Flexibilität, um die Auferstehungskirche damit noch besser für Mahlzeiten und andere Veranstaltungen nutzbar zu machen. Zum Beispiel für die "Westend-Vibes", auch so ein Projekt, um die Kirche zum Begegnungsort zu machen. Dabei finden einmal im Monat Jazz-, Klassik- oder Akustik-Konzerte im Gotteshaus an der Gollierstraße 55 statt. Bei kühlen Drinks an der "Vibes Bar" trifft sich das halbe Viertel.
Ist das noch Kirche, mag so mancher fragen. Berger findet: Ja. "Die Kirche wird auf diese Art das, was sie sein soll: ein Ort des Lebens." Mehr Miteinander, weniger Frontalveranstaltung.
In Zeiten sinkender Mitgliederzahlen und dem Verlust gesellschaftlicher Relevanz führt an diesem Kurswechsel Berger zufolge kein Weg vorbei. Das Mahlzeit-Projekt ist für den Theologen ein Beispiel, wie die Kirche der Zukunft aussehen könnte. Gleichzeitig besinnt sie sich auf ihre Wurzeln. Indem sie den Hungrigen zu essen gibt, für die Nächsten da ist und Fremden beisteht. Berger: "Das Brot brechen und miteinander teilen: So machte es schon die erste christliche Gemeinde."
Das war der Auslöser
Als während der Coronapandemie die Münchner Tafel ihre Stadtteilausgabe im Westend schließen musste, reagierte eine Initiative aus dem Viertel: Unter dem Motto "Jeden Tag eine warme Mahlzeit für alle, die es brauchen" gaben Pfarrer Bernd Berger und Mitstreitende von Karfreitag bis Himmelfahrt täglich Mahlzeiten aus – oft an bis zu 300 Menschen. Das Projekt hieß "Das Westend tafelt". Die Erfahrung, wie viel ein gemeinsames Essen bewegen kann, ließ Berger nicht mehr los. Er kannte das Modell bereits aus seiner früheren Gemeinde in Reinfeld bei Lübeck, wo das Claudiusmahl bis heute läuft und wöchentlich 80 bis 100 Menschen anzieht. Nach Corona entschied er: Was als Notprojekt begann, soll bleiben – als dauerhafter Ort der Begegnung mitten im Westend.
14.07.2026
Silke Scheder
