Der Verein OVERFLOW e.V. schafft die organisatorische und finanzielle Grundlage, damit die Arbeit mit jungen Menschen nachhaltig wachsen und langfristig bestehen kann.
Bild: overflow e.V.
Kirche im Wandel
Jesus nachfolgen
Im Dekanat Naila wächst eine junge christliche Bewegung mit erstaunlicher Strahlkraft. "Overflow" verbindet Jesus-Nachfolge mit der realen Lebenswelt von Jugendlichen. Das Projekt zeigt, wie Kirche für junge Menschen wieder relevant werden kann – auch auf dem Land.
Der alte VW-Bus hat schon bessere Zeiten gesehen. Für die Jugendlichen ist der T3-Bulli deshalb ein klasse Projekt. Sie schrauben daran herum, lachen, reichen Werkzeug weiter. Später am Abend sitzen sie noch zusammen, reden über das Leben, über Krisen und über Gott. Einige von ihnen kommen aus schwierigen Verhältnissen, manche aus der oberfränkischen Meth-Szene, wo billige Drogen aus Tschechien seit Jahren ein Problem sind. Junge Menschen, die sagen, dass sie hier zum ersten Mal echte Gemeinschaft erleben.
Das VW-Bus-Projekt ist ein kleiner Ausschnitt aus dem "Overflow Movement", einer Jugendbewegung, die im Frankenwald entstanden ist – und die inzwischen weit über die Region hinaus Aufmerksamkeit erregt. Was als neues Konfi-Modell im evangelischen Dekanat Naila begann, ist heute eine junge geistliche Bewegung mit erstaunlicher Strahlkraft. Sie will jungen Menschen helfen, "Jesus nachzufolgen", wie es in ihrem Selbstverständnis heißt. Wer die Website von Overflow Movement aufruft, dürfte erst einmal überrascht sein: "JESUS – Gnade und Kraft im Überfluss" steht da in großen Lettern.
Der Beginn vor sechs Jahren war improvisiert, erzählt Dekanatsjugendpfarrer Dominik Rittweg. "Der Nailaer Dekan hat uns damals ermutigt: Mehr als auf die Nase fallen könnt ihr nicht". Entscheidend sei gewesen, "dass wir eine unbedingte Fehlerfreundlichkeit hatten". Man habe einfach angefangen – das Konzept sei später gekommen. Das klassische Bild vom Konfirmandenunterricht habe mit Overflow wenig zu tun. "Wir lieben Konfi", heißt es selbstbewusst im Projekt. Die Treffen sollten "die beste Zeit der Woche" sein. Und tatsächlich erzählen Jugendliche genau das.
Julia ist 17 Jahre alt. Vor vier Jahren kam sie als Konfirmandin zu Overflow, inzwischen engagiert sie sich dort selbst im "Young Leaders"-Bereich. Warum? "Ich selber habe dort Gott kennengelernt – das möchte ich weitergeben", sagt sie. Besonders wichtig sei für sie die Gemeinschaft geworden. Overflow sei ein "Safe Place", ein sicherer Ort in einer Gesellschaft, die oft nur Leistung gelten lasse. "Hier muss man nicht die Beste sein."
Auch Rebecca kam über persönliche Beziehungen zur Bewegung. Die 21-Jährige begann mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr bei Overflow, heute studiert sie Soziale Arbeit in Nürnberg, engagiert sich bei den "Travel Buddies" – einer Art geistlicher Weggemeinschaft für jugendliche "Trainees" – und leitet als Vorsitzende den im April neu gegründeten Verein Overflow e. V..
"Hier muss man nicht die Beste sein."
Julia, 17
"Ich finde es wichtig, dass es Angebote gibt, bei denen Jugendliche Jesus kennenlernen können", sagt Rebecca. Genauso wichtig sei aber das, was daraus entstehe: "Heimat finden. Gemeinschaft mit anderen erleben."
Dass Jugendliche überhaupt nach solchen Räumen suchen, überrascht die Verantwortlichen nicht. Viele kämen aus Familien, in denen Glaube keine Rolle mehr spiele. Andere erlebten Druck, Einsamkeit oder Orientierungslosigkeit. "Gleichzeitig sind junge Menschen in der digitalen Welt nonstop mit lebensfeindlichem und belastendem Content konfrontiert", weiß die Theologiestudentin Hanna Bauer, Trainee-Koordinatorin bei Overflow.
OVERFLOW ist aus der Konfirmandenarbeit im Dekanat Naila entstanden und in den vergangenen Jahren weit über diesen Rahmen hinausgewachsen.

Overflow versucht deshalb bewusst, Beziehungen ins Zentrum zu stellen. Besonders wichtig sind dabei die jugendlichen Ehrenamtlichen, die sogenannten Trainees. Sie leiten Kleingruppen, spielen in Bands, organisieren Technik oder begleiten jüngere Jugendliche auf ihrem geistlichen Weg. "Sie sind die besten Kommunikatoren und Beziehungsbauer", sagt Rittweg. "Nur sie können echte Kommunikation auf Augenhöhe betreiben."
Die Bewegung setzt stark auf Verantwortung für junge Menschen. Gleich nach der Konfirmation können Jugendliche in das dreijähriges Trainee-Programm einsteigen. Dort lernen sie, Andachten zu halten, Gruppen zu leiten oder mit psychischen Belastungen umzugehen. Inzwischen gibt es zusätzlich ein eigenes "Young Leader"-Programm für junge Erwachsene ab 17 Jahren. Dahinter steckt auch eine kirchliche Analyse. Hanna Bauer formuliert sie ungewöhnlich deutlich: "Viele Gemeinden sind noch immer stark auf das Bildungsbürgertum ausgerichtet. Kognitiv fitte Jugendliche fanden dort schon immer leichter Anschluss – die Fischer blieben außen vor." Overflow will deshalb bewusst andere Zugänge schaffen: Musik, Technik, Handwerk, Streetart oder gemeinsames Schrauben am VW-Bus. "Die Kirche muss ihren Milieu-Ekel überwinden", sagt Hanna Bauer.
Die Bewegung ist konsequent missionarisch ausgerichtet. "Unsere Aufgabe war schon immer dieselbe", heißt es in einem Konzeptpapier. "Machet zu Jüngern." Entscheidend sei aber die Form: keine distanzierte Belehrung, sondern "tiefe Gemeinschaft, die ehrlich ist im Leid und die Wunder feiert".
Der Name Overflow – Überfluss, Überströmen – passt programmatisch zu dieser Vision. Symbol der Bewegung ist eine überfließende Wolke. Sie stehe dafür, "dass Gott selbst in Jesus Christus vom Himmel übergeflossen ist", heißt es in der Selbstbeschreibung. Die Bewegung will diesen Glauben "mit offenen Händen auffangen und teilen".
Manchmal sei die Dynamik fast überwältigend gewesen, erzählt Rittweg rückblickend. "Es lief so gut, dass einmal ein landeskirchlicher Begleiter sagte: Ihr seid ja wie auf Koks." Der Satz sei scherzhaft gemeint gewesen – habe aber die Aufbruchstimmung beschrieben. Seine größte Krise hatte Overflow dann aber ausgerechnet in dem Moment, als es am besten lief. "Wir hatten Erfolg – und merkten, dass wir uns im Team entfremden", erzählt Rittweg. "Da haben wir gelernt, schwach zu sein – damit Gott wieder wirken kann." Geholfen hätten externe Supervision und das Eingeständnis, nicht alles kontrollieren zu können.
Auch finanziell lebt die Bewegung stark aus Vertrauen. Die missionarischen Aktivitäten wurden aus Spenden finanziert. "Wir haben gebetet, und dann kam meistens genauso viel Geld, wie wir dafür gebraucht haben", erinnert sich Rittweg. Für Finanzen zu beten sei für das Team "etwas völlig Normales". Ein Teil der bisherigen Finanzierung von Overflow läuft Ende 2026 aus. Deshalb wurde im April der Verein Overflow e. V. gegründet, der die Arbeit künftig absichern soll.
"Die Kirche der Zukunft geht nicht mehr in die Breite, sondern in die Tiefe. Unsere Aufgabe war schon immer dieselbe und wird es weiter bleiben: ›Machet zu Jüngern‹. Jesus lebte diesen Auftrag mit einer überschaubaren und verbindlichen Gruppe – einer Nachfolgegemeinschaft. Genau das wollen wir sein."
Dekanatsjugendpfarrer Dominik Rittweg
In der evangelischen Kirche Bayerns wird das Projekt inzwischen aufmerksam beobachtet. Overflow wurde von der Innovationsplattform "MUT" der Landeskirche gefördert. Dort gilt die Bewegung als Beispiel dafür, wie Jugendarbeit auch im ländlichen Raum neue Dynamik entwickeln kann.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung von Overflow: Während viele Gemeinden vor allem über Schrumpfung, Strukturreformen und sinkende Zahlen sprechen, versucht die Bewegung, Kirche noch einmal von jungen Menschen her zu denken – verbindlich, ästhetisch ansprechend, gemeinschaftlich und missionarisch. Oder, wie Julia es formuliert: "Overflow ist für viele wirklich die beste Zeit der Woche."
24.05.2026
Helmut Frank