Der Platz vor der Kirche soll zu einem Ort werden, an dem Menschen zusammenkommen, Ideen entwickeln und ihren Stadtteil gemeinsam gestalten.
Bild: St. Markus
Kirche im Wandel
Ein Platz für alle
Mit offenen Angeboten, neuen Begegnungsorten und viel ehrenamtlichem Engagement entsteht auf dem Helmut-Herold-Platz ein Ort, an dem Gemeinschaft wachsen kann. Der Platz vor der Markuskirche ist an diesem Nachmittag alles andere als ein gewöhnlicher Kirchenvorplatz. Kinder tanzen zu Musik, Nachbarn kommen bei Kaffee und Kuchen ins Gespräch, Ehrenamtliche bauen Tische auf, Familien schlendern über einen Flohmarkt und mittendrin entstehen Begegnungen, die es vorher nicht gab. Genau das ist die Idee hinter dem Projekt "Platz für alle", das die evangelische Kirchengemeinde St. Markus in Nürnbergs Süden gestartet hat.
"Gibitzenhof ist der am dichtesten besiedelte Stadtteil Nürnbergs", sagt Pfarrerin Silvia Wagner. Menschen aus 133 Herkunftsländern beziehungsweise Bezugsnationen leben hier. Eine beeindruckende Vielfalt – und zugleich eine Herausforderung. Denn viele Gruppen leben zwar Tür an Tür, begegnen sich im Alltag aber kaum. Genau dort setzt das neue Projekt an.
Möglich wird dies durch rund 200 000 Euro Fördermittel der Deutschen Fernsehlotterie, die für zunächst drei Jahre bewilligt wurden. Mit dem Geld konnte eine neue Projektstelle mit einem Umfang von 20 Wochenstunden geschaffen werden. Ziel ist es, niedrigschwellige Angebote für den gesamten Stadtteil zu entwickeln, neue Ehrenamtliche zu gewinnen und die Zusammenarbeit mit Stadt, Diakonie und zahlreichen sozialen Einrichtungen weiter auszubauen.
Für Silvia Wagner ist "Platz für alle" kein Neubeginn, sondern die konsequente Fortsetzung eines langen Wegs. Bereits im Jahr 2023 entstand in der Markuskirche der "FreiRaum" – ein offener Begegnungsort, den die Stadt Nürnberg im Rahmen eines Pilotprojekts für 15 Stunden pro Woche anmietet. Seitdem finden dort Sprachkurse, Begegnungscafés, Sportangebote, Kulturveranstaltungen und Angebote freier Träger statt.
"Der FreiRaum war die Grundlage. Jetzt zünden wir mit ›Platz für alle‹ die nächste Stufe der Rakete", beschreibt Wagner die Entwicklung. Während der FreiRaum den Kircheninnenraum öffnete, richtet sich der Blick nun nach draußen – auf den Helmut-Herold-Platz. Gemeinsam mit der Stadt Nürnberg und der Diakonie soll er zu einem lebendigen Treffpunkt für den gesamten Stadtteil werden.
Damit diese Idee im Alltag sichtbar wird, braucht es Menschen, die zuhören, Kontakte knüpfen und Ideen Wirklichkeit werden lassen. Diese Aufgabe übernehmen die beiden Projektleiterinnen Lisa Betz und Michaela Schlosser. "Wir wollen Orte schaffen, an denen Begegnung stattfindet – barrierefrei und ohne Konsumzwang. Orte, an denen Menschen ihre Talente und Ideen entfalten können", sind die beiden sich einig. Lisa Betz ist Sozialarbeiterin und Gemeindepädagogin. Gemeinsam mit ihrer Kollegin führte sie im Vorfeld zahlreiche Gespräche mit Einrichtungen im Stadtteil und rund 100 Bewohnerinnen und Bewohnern. Das Ergebnis überraschte sie nicht: Es mangelt weniger an Ideen als an Gelegenheiten, sich kennenzulernen.
"Man spricht nicht mehr übereinander, sondern miteinander", für Silvia Wagner ist der »Platz für alle« kein Neubeginn, sondern die konsequente Fortsetzung eines langen Wegs.

"Wir haben festgestellt, dass hier unglaublich viele verschiedene Gruppen leben, die aber kaum Berührungspunkte miteinander haben", erzählt Betz. Deshalb versteht sie sich vor allem als Netzwerkerin. Sie bringt Menschen, Vereine und Institutionen zusammen, sammelt Ideen und hilft dabei, sie in konkrete Angebote zu verwandeln.
Einen festen Rhythmus gibt es bereits: Jeden Dienstag findet das "Café für alle" statt – bei gutem Wetter draußen auf dem Platz vor der Kirche. Es ist der Anker des Projekts, an dem neue Besucherinnen und Besucher ebenso willkommen sind wie Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren möchten. Rund um dieses wöchentliche Angebot wächst Schritt für Schritt ein vielfältiges Programm. Streetdance, Flohmärkte, Mitbring-Picknicks, Bastelabende oder Bewegungsangebote gehören bereits dazu. Was künftig angeboten wird, sollen vor allem die Menschen aus dem Stadtteil selbst mitbestimmen.
Wie unkompliziert das funktionieren kann, zeigte sich schon beim Stadtteilcafé. Dort entstand die Idee, gemeinsam zu kochen. "Da sagte ein älterer Italiener sofort: Ich kann Spaghetti kochen – habt ihr einen großen Topf?", erzählt Betz schmunzelnd. Aus solchen spontanen Einfällen entstehen neue Projekte. "Ich versuche, die Ideen der Menschen aufzugreifen und ihnen zu helfen, sie umzusetzen." So soll beispielsweise die Reihe "Geschmack der Südstadt" weiter wachsen, bei der Menschen ihre Küche, ihre Kultur und ihre Geschichten miteinander teilen.
Bewusst werden dabei immer verschiedene Gruppen zusammengebracht: Schülerinnen und Schüler mit Seniorinnen und Senioren, Familien mit Alleinstehenden oder langjährige Bewohner mit Menschen aus der Gemeinschaftsunterkunft. Niemand soll nur Gast sein. Jeder kann sich mit seinen Fähigkeiten einbringen.
Michaela Schlosser ergänzt das Projekt mit ihrer eigenen Erfahrung. Die gelernte Sonderpädagogin arbeitete viele Jahre mit Familien in schwierigen Lebenssituationen und engagierte sich ehrenamtlich in der Gemeindearbeit. Heute bringt sie diese Erfahrungen in das Projekt ein.
Für sie reicht die Bedeutung von "Platz für alle" weit über einzelne Veranstaltungen hinaus. "Das ist demokratiestärkend", sagt sie. "Wenn Menschen sich begegnen, bekommen die anderen plötzlich ein Gesicht und eine persönliche Geschichte. Dann werden Vorurteile abgebaut."
Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Spannungen sei das wichtiger denn je. Menschen müssten erleben, dass sie ihre Umgebung mitgestalten können. "Es ist wichtig, dass Menschen merken: Ich kann etwas bewegen. Ich habe etwas zu geben."
Auch Silvia Wagner beobachtet, wie aus Begegnungen Vertrauen wächst. Wenn Jugendliche gemeinsam mit Senioren backen, Menschen aus der Gemeinschaftsunterkunft Verantwortung übernehmen oder Nachbarn miteinander ins Gespräch kommen, entstehen Beziehungen, die Vorurteile abbauen. "Man spricht nicht mehr übereinander, sondern miteinander", beschreibt sie die Wirkung.
Für Wagner ist genau das gelebte Kirche im Stadtteil. Während andernorts häufig über schrumpfende Gemeinden gesprochen werde, wolle die Gemeinde St. Markus einen anderen Weg gehen: vorhandene Räume öffnen, Menschen beteiligen und gemeinsam Neues entstehen lassen.
Das war der Auslöser
Viele Jahre setzte sich Pfarrerin Silvia Wagner dafür ein, dass der Helmut-Herold-Platz vor der Markuskirche überhaupt neugestaltet wurde. Mit dem "FreiRaum" entstand 2023 zunächst ein offener Treffpunkt in der Kirche. Doch bald wurde klar: Begegnung darf nicht an der Kirchentür enden. "Der FreiRaum war die Grundlage – jetzt zünden wir mit ›Platz für alle‹ die nächste Stufe der Rakete", sagt Wagner. Der Platz vor der Kirche soll zu einem Ort werden, an dem Menschen zusammenkommen, Ideen entwickeln und ihren Stadtteil gemeinsam gestalten.
22.07.2026
Timo Lechner