Engagierte aus dem engeren Team halten die »Kahle« am Laufen: Thomas Baum, Bruno Weggert, Monika Richter, Wolfgang Streiftau und Stefan Reichenbacher.

Engagierte aus dem engeren Team halten die »Kahle« am Laufen: Thomas Baum, Bruno Weggert, Monika Richter, Wolfgang Streiftau und Stefan Reichenbacher.

Bild: Helmut Frank

Kirche im Wandel

Die "Kahle" bleibt!

Das Berghaus Kahlrückenalpe im Allgäu geriet in die Krise – und fand zurück auf Kurs. Möglich machte das vor allem ein Kreis von Ehrenamtlichen, die ihre "Kahle" nicht aufgeben wollten.

Wer auf der Kahlrückenalpe ankommt, ist weit weg vom Alltag. Das Berghaus des Dekanats Neu-Ulm liegt bei Sonthofen im oberen Illertal, auf 1185 Metern Höhe. Ringsum die Allgäuer Alpen, dazu Ruhe und Bergluft. Vor dem Haus gibt es eine Altarwiese, seit Mai auch eine große Panoramaterrasse mit Blick auf die Berge.

Die "Kahle", wie sie von ihren Freunden genannt wird, hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Noch vor gut zehn Jahren war die Zukunft des höchstgelegenen Gästehauses der Evangelischen Kirche am Wanken. Neue Brandschutzauflagen kamen hinzu, Investitionen waren nötig. Gleichzeitig war der Betrieb organisatorisch und finanziell schwierig geworden. Nach dem Wegfall des Zivildiensts fehlten zwei Menschen, die zuvor den Beherbergungsbetrieb unterstützt und viele handwerkliche Arbeiten übernommen hatten.

Der Dekanatsausschuss wollte deshalb die Kahlrückenalpe abgeben. "Die Gremien waren von der Kahle genervt", erinnert sich Stefan Reichenbacher, Pfarrer in Reutti und Holzschwang und Erster Vorsitzender des Fördervereins. "In jeder Sitzung des Dekanatsausschusses gab es einen Tagesordnungspunkt zum Berghaus. Das Haus war eine Belastung – finanziell wie organisatorisch", erinnert er sich. Dazu kamen viele Unklarheiten in den Zuständigkeiten, sodass die Belegung nicht immer rund lief.

Doch die Kahlrückenalpe bekam noch einmal eine Chance. Bei einer Sonder-Dekanatssynode zur Kahlrückenalpe 2017 wurde beschlossen, das Haus für drei Jahre weiterzuführen. In dieser Zeit sollte die Kehrtwende gelingen.

Für die Menschen, die an der »Kahle« hingen, war das ein Auftrag. Der erste große Schritt war die Brandschutzsanierung. Dass im Kreis der Unterstützer auch ein Brandschutzingenieur dabei war, erwies sich als Glücksfall. Im Januar 2018 rückten 14 Ehrenamtliche zu einer großen Räumungsaktion an. Alte Matratzen und Sperrmüll mussten raus. Wände und Türen wurden entfernt, Fluchtwege verbreitert und eine zusätzliche Außentreppe gebaut.

Und es blieb nicht bei der Sanierung. Der Förderverein Kahlrückenalpe entwickelte sich zum Rückgrat des Hauses. Heute zählt er 204 Mitglieder. Aus Beiträgen und Spenden flossen allein in den vergangenen drei Jahren mehr als 76 000 Euro in den Betrieb und in Modernisierungen. Finanziell unterstützt wurden unter anderem eine Solarthermieanlage, Duschen, ein Geschirrspüler, die neue Panoramaterrasse und ein Pick-up. Aktuell hat der Verein die Anschaffung eines elektrisch betriebenen Quads unterstützt, das mit eigenem Solarstrom geladen werden kann.

Das Entscheidende aber lässt sich nicht in Euro messen. Heute kümmern sich rund 30 Ehrenamtliche um den Betrieb. Eine von ihnen ist Monika Richter aus der evangelischen Gemeinde in Reutti. Sie unterstützt wochenweise den fest angestellten Koch Bruno Weggert. Andere übernehmen Buchungen, Rechnungen, Beschaffung, Reparaturen oder kümmern sich um die Weiterentwicklung des Hauses.

Einer, der dabei den Überblick behält, ist Thomas Baum. Der 65-Jährige leitet die Kahlrückenalpe ehrenamtlich und ist außerdem Feldkoch und Elektroingenieur – Fähigkeiten, die auf einer abgelegenen Berghütte ausgesprochen nützlich sein können. Im Alltag erledigt er Buchungen und Rechnungen und vieles, was sonst noch anfällt.

Wolfgang Streiftau kümmert sich vor allem um Beschaffung und Ersatz von Inventar. Er ist außerdem zweiter Vorsitzender des Fördervereins. "Es gab immer Zweifler und Neider", sagt Streiftau. Dann aber kommt der Satz, der die Geschichte der Kahlrückenalpe vielleicht am besten zusammenfasst: "Aber wir haben es geschafft."

Die Kahlrückenalpe liegt idyllisch auf einer Platte am Berg bei Sonthofen im oberen Illertal auf 1185 Metern Höhe.

Bild: Helmut Frank

Die Kahlrückenalpe liegt idyllisch auf einer Platte am Berg bei Sonthofen im oberen Illertal auf 1185 Metern Höhe.

Geschafft hat es die "Kahle" nicht, indem sie sich ins eigene Milieu zurückgezogen hätte. Im Gegenteil: Das Haus öffnet sich für Gruppen weit über die Kirche hinaus. Konfirmanden kommen ebenso wie Jugendgruppen, Schulklassen, Studierende, Unternehmen, Familien oder Chöre. Gruppen reisen aus der Region an – manche auch von weit her bis Flensburg. Rund 6200 Belegungstage werden im Jahr erreicht.

Das Haus hat eine schlesische Vorgeschichte: 1948 bis 1969 wurde die Alpe von Hans und Marta Fuchs betrieben, die vor ihrer Flucht im Riesengebirge eine "Wiesenbaude" betrieben hatten. Heute verfügt die Alpe über 52 Betten in Einzel-, Doppel-, Drei, Vier- und Sechsbettzimmern. Dazu kommen Gemeinschaftsräume, ein Meditationsraum, ein Billardraum, ein Freizeitstadel mit Boulderraum und natürlich die Berge vor der Tür.

Zum Selbstverständnis gehört dabei mehr als Übernachtung und Verpflegung. Die Kahlrückenalpe versteht sich als Ort des Gemeindeaufbaus. Eine Altarwiese liegt unmittelbar vor dem Alpenpanorama. Bei schlechtem Wetter gibt es einen Andachtsraum.

Gleichzeitig versucht das Haus, mit seinen Ressourcen bewusst umzugehen. Eine Photovoltaikanlage speist Strom ins Netz ein, ein Blockheizkraftwerk erzeugt Strom und Wärme, Quellwasser wird gefiltert und eine Drei-Kammer-Klärgrube reinigt das Abwasser.

Aus dem einstigen Sorgenkind des Dekanats ist ein Haus geworden, das sich sehen lassen kann. Im Mai 2026 lud die Kahlrückenalpe zum Tag der offenen Tür. Viele Interessierte kamen, um die Modernisierungen zu besichtigen. Höhepunkt war ein Berggottesdienst mit Regionalbischof Klaus Stiegler. Seit diesem Tag lädt auch die neue Panoramaterrasse zum Blick über die Allgäuer Alpen ein.

Die Geschichte der Kahlrückenalpe ist deshalb mehr als die Geschichte eines gelungenen Sanierungsprojekts. Sie erzählt von einer Frage, die viele kirchliche Gästehäuser beschäftigt: Was ist ein solcher Ort der Kirche wert, wenn Zuschüsse zurückgehen, Vorschriften den Betrieb komplizierter machen und Sanierungen teuer werden? Sicher ist: Ohne Investitionen, Förderverein und ein tragfähiges Betriebskonzept wäre das Haus nicht zu halten gewesen.

Aber Wirtschaftlichkeit allein erklärt den Erfolg nicht. Thomas Baum sieht den entscheidenden Grund für das Überleben der Kahlrückenalpe in der hohen Identifikation der Ehrenamtlichen mit dem Haus. Wer einmal oben gewesen sei, komme meist wieder. Der "tragende Grund" des Projekts seien die Menschen, die sich für das Berghaus einsetzen.

Vielleicht liegt darin das eigentliche Erfolgsgeheimnis der Kahlrückenalpe: Sie wurde nicht einfach als kirchliche Immobilie gerettet. Menschen haben sie zu ihrer Sache gemacht. Und so ist die "Kahle" heute wieder das, was sie immer sein sollte: ein Haus, in dem Gruppen zusammenkommen, Familien Zeit miteinander verbringen, junge Menschen Gemeinschaft erleben und Gottesdienste unter freiem Himmel möglich sind.

Oben auf 1185 Metern scheint der Himmel ein wenig näher. Und die evangelische Kirche hat hier, trotz aller Schwierigkeiten, ihren Platz behauptet.

Das war der Auslöser
"2017 stand die Kahlrückenalpe vor dem Aus. Beim Brandschutz wurden erhebliche Defizite festgestellt, Investitionen waren nötig. Der Dekanatsausschuss war von der Kahle genervt, in jeder Sitzung stand das Berghaus auf der Tagesordnung. Nach dem Wegfall des Zivildiensts fehlten außerdem zwei Menschen, die zuvor viele Arbeiten übernommen hatten. Der drohende Verlust mobilisierte das ehrenamtliche Engagement."

10.09.2026
Helmut Frank

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