Die Annabar soll vielen Gästen das Gefühl geben, willkommen zu sein.

Die Annabar soll vielen Gästen das Gefühl geben, willkommen zu sein.

Bild: Timo Lechner

Kirche im Wandel

Gemeinsam am Tresen

In der Annabar in Schwabach wird einmal im Monat Gottesdienst gefeiert – mit Gitarren, Getränken und viel Zeit für Gespräche. Das Besondere: Hier predigt nicht einer, sondern viele kommen miteinander ins Gespräch.

Wer an einen Gottesdienst denkt, hat meist sofort ein bestimmtes Bild vor Augen: Kirchenbänke, Orgelmusik, eine Pfarrerin oder ein Pfarrer im Talar. In der Annabar in der Bachstraße 12 in Schwabach sieht das anders aus. Dort stehen Bier, Guinness oder Cider auf den Tischen, dazu eine Apfelschorle oder ein Kaffee. Bevor der Gottesdienst beginnt, wird erst einmal gewartet, bis alle ihre Getränke bekommen haben. "Wenn einer kein Getränk mehr hat, wird eben nachbestellt", erzählt Pfarrer Michael Käser und lacht. "Es ist auch nicht so still wie in anderen Gottesdiensten. Es gibt eine gewisse Grundlautstärke."

Seit rund anderthalb Jahren lädt das Team einmal im Monat zu "Gemeinsam am Tresen" ein – einem Kneipengottesdienst, der bewusst anders sein möchte. Nicht der ungewöhnliche Ort steht dabei im Mittelpunkt, sondern die Begegnung der Menschen. "Egal, wo du herkommst und was du denkst – herzlich willkommen", lautet deshalb jedes Mal die erste Botschaft des Abends.

Die Idee entstand aus einer Erfahrung, die Michael Käser schon länger beschäftigte. Gemeinsam mit Musikerin Barbara Mederer hatte er zuvor in Fürth alternative Gottesdienstformen kennengelernt. Was beiden dabei besonders wichtig geworden war, fehlte ihnen vielerorts: echte Gemeinschaft.

"Wir wollten einen Gottesdienst, bei dem nicht einer vorne steht, weil er Theologie studiert hat und alles weiß", sagt Käser, "sondern einen Ort, an dem wir miteinander entdecken, wo Menschen Gott erleben." Auf der Suche nach einem passenden Raum fiel die Wahl schließlich auf die Annabar. Die Kneipe sei groß genug für kleinere und größere Gruppen und gleichzeitig gemütlich, erzählt Barbara Mederer. "Die Annabar gibt einfach das Gefühl, willkommen zu sein. Sie ist fast so etwas wie ein Wohnzimmerersatz."

Dass daraus inzwischen ein festes Angebot geworden ist, liegt vor allem an einem engagierten Team. Michael Käser übernimmt gemeinsam mit Carolin "Caro" Heuser die liturgische Leitung. Predigten im klassischen Sinn gibt es allerdings kaum. "Wir sind eher Impulsgeber und nicht die Leute, die die ganze Show schmeißen", sagt Heuser. Gemeinsam mit Kathrin Leverenz entwickelt sie die Themen und die Gesprächsfragen für die Abende. "Wir überlegen, welche Fragen Menschen miteinander ins Gespräch bringen."

Dieter Feuchtmüller sorgt dafür, dass Musik und Wort überall gut zu hören sind. "Eine Kneipe ist verwinkelt", erklärt er. "Deshalb bringe ich inzwischen meine komplette Technik mit. Dann weiß ich, dass alles funktioniert." Ebenso wichtig ist die Musik. Barbara Mederer singt gemeinsam mit Sarah Kolb und Maria Häberlein. Zwei Gitarren, drei Stimmen und moderne geistliche Lieder prägen den Abend.

"Mir macht einfach total Spaß, mit den Mädels Musik zu machen", sagt Mederer. Gleichzeitig finde sie es spannend zu erleben, welche Gedanken die Musik anschließend bei den Gästen auslöst. Der Ablauf ist bewusst einfach gehalten. Nach der Begrüßung und einem ersten Lied folgen drei Gesprächsrunden. An jedem Tisch liegen Fragen aus, über die sich die Besucher austauschen können. Dazwischen gibt es Musik, kurze Impulse oder einen Bibeltext. Den Abschluss bilden Gebet und Segen.

Die Fragen bauen aufeinander auf. Zunächst geht es um Erfahrungen aus dem Alltag, später werden die Gespräche persönlicher und führen zu Glaubensfragen. "Das Schöne ist, dass die Gespräche oft ihren ganz eigenen Weg nehmen", sagt Kathrin Leverenz. "Man kommt sich als Mensch sehr nahe. Das vermisse ich manchmal in anderen Gottesdiensten."

Ursprünglich sollte »Gemeinsam am Tresen« vor allem jüngere Erwachsene ansprechen. Heute sitzt eine ganz andere Mischung an den Tischen. »Von Jugendlichen bis über 80 ist inzwischen alles dabei«, erzählt Käser. Mal kommen gut 20 Gäste, zuletzt waren es oft mehr als 40. Viele Gesichter wechseln von Monat zu Monat. »Zehn Minuten vorher denken wir oft: Mal schauen, wie es heute wird. Und dann geht die Tür auf und die Leute kommen.«

Kirchliche Vorkenntnisse brauche niemand. Auch konfessionelle Grenzen spielten kaum eine Rolle. Regelmäßig nähmen katholische Christen teil, ebenso Menschen, die mit Kirche bislang wenig Berührung hatten.

Besonders in Erinnerung geblieben sind dem Team Begegnungen, die über den eigentlichen Gottesdienst hinausreichen. "Zwei Frauen haben nach einem Gottesdienst ihre Telefonnummern ausgetauscht, weil sie im Gespräch gemerkt hatten, dass beide den Jakobsweg gegangen waren", erzählt Käser. "So etwas habe ich nach einem normalen Gottesdienst noch nie erlebt."

Auch Carolin Heuser schätzt genau diese Offenheit. "Ich finde es viel schöner, miteinander ins Gespräch zu kommen, als nur vorne zuzuhören. Gemeinschaft entsteht hier ganz anders." Zur besonderen Atmosphäre tragen nicht nur Musik und Gespräche bei. Auf den Tischen stehen Getränke und kleine Snacks. Kathrin Leverenz kümmert sich häufig darum. "Mit kleinen Kindern hat man sowieso immer etwas zu knabbern dabei", sagt sie schmunzelnd. Für Michael Käser gehört all das zusammen. "Es muss stimmig sein. Gute Musik, guter Sound, etwas zu essen – und vor allem gute Gespräche."

Die Themen entstehen gemeinsam im Vorbereitungsteam und oft erst relativ kurzfristig. Zuletzt ging es um Wahrheit anhand der Jona-Geschichte. Andere Abende beschäftigten sich mit Heimat, Hoffnung, Tod und Sterben oder starken Frauen der Kirchengeschichte. Einmal wurde Weihnachten als Singer-Songwriter-Abend gefeiert, ein anderes Mal verwandelte sich der Gottesdienst in ein Kneipenquiz.

Im Herbst beginnt für Michael Käser ein neuer Abschnitt. Zum 1. November wechselt er nach Fürth. Der Kneipengottesdienst soll dennoch weitergehen – getragen von dem Team, das in den vergangenen anderthalb Jahren immer größer geworden ist. "Genau das war unsere Hoffnung", sagt Käser, "dass Menschen sagen: Das ist eine gute Sache, da möchte ich mitmachen."

DIE NÄCHSTEN TERMINE: "Gemeinsam am Tresen" findet jeweils um 19 Uhr in der Annabar, Bachstraße 12 in Schwabach, statt: 21. Oktober, 9. Dezember.

Das war der Auslöser
Gemeinschaft statt Frontalpredigt – das war die Idee hinter "Gemeinsam am Tresen". Ich hatte bereits in Fürth alternative Gottesdienstformen kennengelernt. "Uns hat Gemeinschaft gefehlt. Wir wollten keinen Gottesdienst, bei dem einer vorne alles erklärt, sondern einen Ort, an dem Menschen ihre eigenen Gotteserfahrungen teilen und voneinander lernen können." Die Kneipe erschien dem Team dafür passender als ein klassischer Kirchenraum.

06.10.2026
Timo Lechner